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Biblische Gedanken

Tag für Tag Gedanken und Impulse zu biblischen Texten. 

Impuls für diesen Tag


4.Oktober Lukas 7 24 – 35
Als aber die Boten des Johannes fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was zu sehen seid ihr hinausgegangen in die Wüste? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird? Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Menschen in weichen Kleidern? Seht, die herrliche Kleider tragen und üppig leben, die sind an den königlichen Höfen. Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. Er ist's, von dem geschrieben steht (Maleachi 3,1): »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.« Ich sage euch, dass unter denen, die von einer Frau geboren sind, keiner größer ist als Johannes; der aber der Kleinste ist im Reich Gottes, ist größer als er. Und alles Volk, das ihn hörte, und die Zöllner gaben Gott recht und ließen sich taufen mit der Taufe des Johannes. Aber die Pharisäer und die Lehrer des Gesetzes verwarfen für sich Gottes Ratschluss und ließen sich nicht von ihm taufen. Mit wem soll ich die Menschen dieses Geschlechts vergleichen, und wem sind sie gleich? Sie sind den Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und rufen einander zu: Wir haben euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint. Denn Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot und trank keinen Wein; und ihr sagt: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; und ihr sagt: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch ist die Weisheit gerechtfertigt worden von allen ihren Kindern.
Jesus erinnert seine Zuhörer an die Volksbewegung, die Johannes ausgelöst hatte. Alle sind sie zum Jordan geströmt, es war „in“, sich taufen zu lassen. Aber was haben sie da gesucht? Eine kurze Sensation? Einen berühmten Menschen? Genauso geht es ja zu bei religiösen und anderen „Bewegungen“: Die Menschen strömen dorthin – und übermorgen liegt schon wieder etwas anderes im Trend. Jesus vergleicht seine Zeitgenossen mit Kindern, die auf dem Markt spielen, sich aber nicht entschließen können, wirklich irgendwo mitzumachen. Sie kritisieren an allem herum, sehen da und dort Verwerfliches – und bleiben hocken. Jesus sieht Johannes ganz anders. Für ihn ist er der größte der Menschen, denn er ist der Vorläufer, der Wegbereiter. Das haben die Leute, die sich bei ihm taufen ließen, nicht erfasst. Der Kleinste im Himmelreich – da könnte Jesus sich selbst meinen, denn er hat sich von Johannes taufen lassen. Doch er ist größer als Johannes – denn im Himmelreich ist der Kleinste der Größte. Diese Botschaft ist etwas für das einfache Volk und für Zöllner und Sünder – die Theologen in Jerusalem lehnen sie ab, wie sie die Taufe des Johannes abgelehnt haben. Wem gleiche ich in dieser Geschichte? Den Kindern auf dem Markt, die mal hier und mal da sind? Den Jüngern, die sich entschlossen haben, mit Jesus mitzugehen? Den Gesetzeslehrern, die an allem etwas zu kritisieren haben?

3.Oktober Lukas 7, 18 – 23

Durch seine Jünger erfuhr auch Johannes von all diesen Dingen. Er rief zwei von ihnen zu sich und gab ihnen den Auftrag, zum Herrn zu gehen und ihn zu fragen: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?« Die beiden kamen zu Jesus und sagten: »Johannes der Täufer hat uns zu dir geschickt und lässt dich fragen: ›Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?‹« Dabei wurden sie Zeugen, wie Jesus viele Kranke und Leidende und von bösen Geistern Geplagte heilte und vielen Blinden das Augenlicht schenkte. Er gab den Boten zur Antwort: »Geht zu Johannes und berichtet ihm, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden geheilt, Taube hören, Tote werden auferweckt, und den Armen wird Gottes gute Botschaft verkündet. Und glücklich zu preisen ist, wer nicht an mir Anstoß nimmt.«
Johannes und Jesus – zwei Gruppierungen, zwei verschiedene Botschaften. Der eine predigt Gericht und Buße, der andere das Heil, das von Gott kommt. Der eine tauft Leute, die umkehren – der andere heilt und befreit Menschen. Johannes weiß, dass er nicht der „Kommende“ ist – aber ist es Jesus? Es ist seine menschliche Größe, dass er anfragt und seine Zweifel ausspricht, anstatt sich einfach abzuwenden.  Ja, er hat Zweifel. Müsste der Messias nicht kraftvoller auftreten? Müsste er nicht alles hinwegfegen, was das Heil Gottes hindert? Die Römer, die korrupten Priester, die mordenden Zeloten? Müsste er nicht Israel in voller Größe wiedererrichten?
 Seine Boten werden Zeugen des Handelns Jesu: Sie sehen keine gewaltige politische Aktion, keinen Aufruhr oder Aufstand – sie sehen Jesus inmitten armer Menschen, die Hilfe suchen. Wir sind in der gleichen Lage wie Johannes: Wir sehen viele Werke der Liebe, sehen hier und da auch Wunder - aber wo ist das Reich Gottes? Da ist so viel Chaos und Krieg und Gewalt auf der Welt! Jesus preist die glücklich, die das Kommende schon sehen können und nicht am Gegenwärtigen verzweifeln. Kann ich sehen, wo Jesus heute wirkt? 

2.Oktober  Lukas 7, 11 – 17

Bald darauf zog Jesus in die Stadt Nain weiter, begleitet von seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge. Als er sich dem Stadttor näherte, kam ihm ein Trauerzug entgegen. Der Tote war der einzige Sohn einer Witwe gewesen. Zahlreiche Menschen aus dem Ort begleiteten die Mutter zum Grab. Als der Herr die Frau sah, ergriff ihn tiefes Mitgefühl. »Weine nicht!«, sagte er zu ihr. Er trat näher und berührte die Bahre. Die Träger blieben stehen, und Jesus sagte zu dem Toten: »Junger Mann, ich befehle dir: Steh auf!« Da richtete sich der Tote auf und fing an zu sprechen, und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück. Alle waren voller Ehrfurcht; sie priesen Gott und sagten: »Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten. Gott hat sich seines Volkes angenommen!« Die Nachricht von diesem Ereignis verbreitete sich im ganzen jüdischen Land; sogar in allen umliegenden Gebieten sprach man von Jesus.
Da begegnet ein Zug des Lebens dem Zug des Todes: Jesus und seine Jünger samt dem Volk kommen einem Trauerzug entgegen. Was ist da los? Es ist eine Katastrophe: Der einzige Sohn einer Witwe ist gestorben. Da sie Witwe ist und der Sohn jung ist, muss ihr Mann auch jung gestorben sein. Nach jüdischem Verständnis ist das Strafe für irgendeine Schuld. Genauso beim Sohn: Sein früher Sterben weist auf eine Schuld der Witwe hin, sie ist doppelt bestraft. Und sie steht nun ohne rechtlichen Schutz und ohne Versorgung da – ihr weitere Leben ist akut bedroht. Jesus wird angesichts der Situation von tiefem Mitgefühl ergriffen. Es geht also nicht um eine wahllose und zufällige Auferweckung – er stellt sich dem vorzeitigen Tod entgegen, der den Nächsten schwer trifft. Er wird hier als „Kyrios“, als Herr bezeichnet – Jesus wird hier als Herr über den Tod dargestellt. Sein Tun ist nicht nur Lebendigmachung, sondern auch Rechtfertigung der Mutter vor dem Volk: Seht her, diese Frau hat nicht gesündigt, der Tod des Sohnes ist keine Strafe! So steht in diesem spektakulären Wunder die Frau und ihr Sohn im Mittelpunkt. Das Entscheidende ist das Mitgefühl, die Barmherzigkeit. „Es ging ihm an die Eingeweide“ steht da wörtlich. Gibt es Dinge, die mich so berühren? Die mir „an die Nieren gehen“? Und mich so zum Handeln bewegen?

1.Oktober  Lukas 7, 1 – 10
Das Volk hörte allem zu, was Jesus sagte. Als er seine Rede beendet hatte, ging er nach Kafarnaum. Der Hauptmann einer dort stationierten Einheit hatte einen Sklaven, den er sehr schätzte; dieser war schwer krank und lag im Sterben. Als der Hauptmann von Jesus hörte, schickte er einige Älteste der jüdischen Gemeinde zu ihm; sie sollten ihn bitten, zu kommen und seinem Diener das Leben zu retten. Die Männer gingen zu Jesus und baten ihn inständig, mit ihnen zu kommen. »Er ist es wert, dass du ihm diese Bitte erfüllst«, sagten sie. »Er liebt unser Volk und hat uns sogar die Synagoge gebaut.« Jesus machte sich mit ihnen auf den Weg. Doch als er nicht mehr weit vom Haus des Hauptmanns entfernt war, schickte dieser ihm einige Freunde entgegen und ließ ihm ausrichten: »Herr, bemühe dich nicht! Ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst. Deshalb hielt ich mich auch nicht für würdig, selbst zu dir zu kommen. Sprich nur ein Wort, und mein Diener wird gesund. Ich bin ja selbst dem Befehl eines anderen unterstellt und habe meinerseits Soldaten unter mir. Wenn ich zu einem von ihnen sage: ›Geh!‹, dann geht er, und wenn ich zu einem sage: ›Komm!‹, dann kommt er; und wenn ich zu meinem Diener sage: ›Tu das und das!‹, dann tut er es.« Jesus staunte über den Mann, als er das hörte. Er wandte sich um und sagte zu der Menge, die ihm folgte: »Ich versichere euch: Solch einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden.« Als die Männer, die der Hauptmann geschickt hatte, zu ihm zurückkamen, stellten sie fest, dass der Diener wieder gesund war.

Dieser Centurio scheint ein bemerkenswerter Mann zu sein: Er hat sich mit der jüdischen Religion beschäftigt, hat gute Beziehungen zur örtlichen Gemeinde und sogar die Synagoge erbaut. Er hält sich an die Regeln, denn er achtet die Reinheitsgebote, die ihn von direktem Kontakt mit den Juden ausschließen. „Ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst“, damit wird deutlich, dass er weiß, dass dieser fromme Rabbi Jesus nicht in ein heidnisches Haus darf. Jesus kümmert sich nicht darum, er ist ja gerade auf dem Weg zu ihm. Aber das ist nicht nötig, denn der Centurio vertraut auf die Macht des Wortes Jesu in einem Maße, das selbst Jesus wundert. Woher hat er das? Das wird nicht erklärt! „Glaube ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge.“, heißt es in Hebräer 11,1. Dazu kann man sich nicht selbst überreden – diese Überzeugung ist ein momentanes Geschenk in einer Situation, die „passiert“. Allerdings: Ich muss bereit sein, sie zuzulassen. So geht es hier dem Centurio: Er ist plötzlich felsenfest davon überzeugt, dass „es auch so geht“ – dass der Befehl Jesu genügt. (Vorher wollte er ja, dass Jesus kommt!). Glauben zulassen zu können hängt mit Demut zusammen – der Centurio hält sich nicht für würdig, obwohl er auf seine Stellung und seine Verdienste um die Juden pochen könnte. Habe ich solche spontane Glaubensüberzeugung erlebt? Wann habe ich erlebt, dass ich in schwieriger Situation plötzlich etwas glauben konnte?

30.September  Lukas 6, 46 – 49
Warum nennt ihr mich immerfort ›Herr‹, wenn ihr doch nicht tut, was ich sage? Wisst ihr, wem der gleicht, der zu mir kommt, meine Worte hört und danach handelt? Ich will es euch sagen. Er gleicht einem Mann, der ein Haus baut und dabei tief ausschachtet und das Fundament auf felsigen Grund legt. Wenn dann Hochwasser kommt und die Flutwellen gegen das Haus schlagen, können sie es nicht erschüttern, so gut ist es gebaut. Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, gleicht einem Mann, der ein Haus baut, ohne auszuschachten und ohne ein Fundament zu legen. Sobald die Flutwellen dagegen schlagen, stürzt es in sich zusammen und wird völlig zerstört.«
Ich stelle mir diesen Mann vor, der da sein Haus ohne Fundament baut. Wahrscheinlich hat er es eilig, er nimmt sich keine Zeit, auszuschachten. Dafür ist sein Haus umso größer und schöner anzuschauen als das des Nachbarn, der einen Teil seines Geldes und seiner Kraft ins Fundament gesteckt hat. Wie viele Menschen bauen so ihr Leben! Der schöne Schein ist wichtig, etwas darstellen, bewundert werden wegen dem, was man sich aufgebaut hat. Aber das Fundament des Lebens fehlt. Was ist dieses Fundament? Es ist die Lebensausrichtung nach den Worten Jesu, das Handeln nach diesen Worten. Und diese Worte haben alle mit meinem Nächsten zu tun. Es geht also nicht darum, zurückgezogen fromm zu sein, sondern mitten im Leben mit den anderen Menschen nach Jesu Worten zu leben. Ob dieses Fundament trägt, stellt sich dann heraus, wenn das Wasser steigt. Flutwellen - Schwierigkeiten, Konflike und Krankheiten - werden kommen und dann ist die Frage, ob das Gebäude meines Lebens einen tieferen Grund hat, ob es auf Fels steht oder auf Sand. Gibt es einen tieferen Grund für all das, was ich tue und mache? Mit welchen Worten Jesu lebe ich? 

29. September: Lukas 6, 43 – 45

Ein guter Baum trägt keine schlechten Früchte, und ebenso wenig trägt ein schlechter Baum gute Früchte. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von Dornbüschen pflückt man keine Feigen, und von Gestrüpp erntet man keine Trauben. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil sein Herz mit Gutem erfüllt ist. Ein böser Mensch dagegen bringt Böses hervor, weil sein Herz mit Bösem erfüllt ist. Denn wie der Mensch in seinem Herzen denkt, so redet er.«

Jesus verbreitet keine Illusionen über den Menschen – so nach dem Motto „Ihr seid alle ganz ok!“ Nein, es gibt gute und schlechte Menschen. Wir haben oft Schwierigkeiten, zu erkennen, wie Menschen wirklich sind. Sie können sich verstellen, schön reden, uns einwickeln. Wenn wir solchen Menschen folgen, kann es gefährlich werden. Die Früchte machen es deutlich, ob jemand gut oder böse ist. Ist dieser Mensch barmherzig? Wie geht er mit Anderen um, wenn niemand zusieht? Bricht er oder sie schnell einen Streit vom Zaun? Fühlen sich Menschen in seiner / ihrer Umgebung beachtet und geliebt? Oder eher missachtet und ausgenutzt? Bei manchen Menschen braucht man Situationen, in denen sie nicht auf ihre Wirkung achten – etwa beim Autofahren. Aber es mag umgekehrt auch vorkommen, dass jemand, der hart wirkt, sich in seiner Stärke vor andere stellt und sie beschützt. Das wäre dann eine gute Frucht. Wie sieht es mit meinen Früchten aus? Sind in meinem Leben Barmherzigkeit, Liebe, Friede und ansteckende Freude zu entdecken? 


28. September: Lukas 6, 37 - 42
»Richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, und ihr werdet nicht verurteilt werden. Sprecht frei, und ihr werdet freigesprochen werden. Gebt, und es wird euch gegeben werden. Ein volles Maß wird man euch in den Schoß schütten, ein reichliches Maß, bis an den Rand gefüllt und überfließend. Denn das Maß, das ihr verwendet, wird auch bei euch verwendet werden.« Jesus gebrauchte noch einen Vergleich; er sagte: »Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über seinem Meister; wenn er alles von ihm gelernt hat, ist er höchstens so weit gekommen wie dieser. Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ›Bruder, halt still! Ich will den Splitter herausziehen, der in deinem Auge sitzt‹ – und bemerkst dabei den Balken im eigenen Auge nicht? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge; dann wirst du klar sehen und kannst den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, herausziehen.

Richtet nicht! Doch Unrecht, das Menschen  begehen, müssen wir benennen, denn das tut Jesus auch. Was ist dann mit richten und verurteilen gemeint? Es ist ein Urteil über einen Menschen wie in einem Gerichtsurteil: Das ist ein schlechter Mensch! Der oder die ist unmoralisch, unfähig, unaufrichtig, un….! Ein solches Urteil über einen Menschen steht mir nicht zu, sagt Jesus. Und das Maß, das ich verwende, wird bei mir verwendet werden. Darum wäre es gut, barmherzig zu sein! Wer einen Fehler bei einem anderen bemerkt, der sehe zu, dass er nicht einen ähnlichen Fehler bei sich übersieht. Denn oft ist das, was ich beim anderen bemerke, das, was mein eigenes verdrängtes Problem ist. Was ich bei mir nicht zulasse – und mir doch im Geheimen wünsche – sehe ich bei meinem Nächsten, der es tut, umso größer. Wir sind aus dem gleichen Holz. Wo beurteile oder verurteile ich einen meiner Mitmenschen? Und kann ich dabei den Balken im eigenen Auge entdecken? Eine Hilfe kann sein, sich ehrlich nach seinen Motiven zu fragen: Warum will ich meinen Nächsten kritisieren, ihn tadeln? Wenn ich entdecke, dass ich mich besser, gerechter oder richtiger dabei fühle, sollte ich schweigen!

27.September  Lukas 6 27 - 36

»Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen; segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch Böses tun. Schlägt dich jemand auf die eine Backe, dann halt ihm auch die andere hin, und nimmt dir jemand den Mantel, dann lass ihm auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet, und wenn dir jemand etwas nimmt, dann fordere es nicht zurück. Handelt allen Menschen gegenüber so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet. Wenn ihr die liebt, die euch Liebe erweisen, verdient ihr dafür etwa besondere Anerkennung? Auch die Menschen, die nicht nach Gott fragen, lieben die, von denen sie Liebe erfahren. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, verdient ihr dafür besondere Anerkennung? So handeln doch auch die, die nicht nach Gott fragen. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr ebenfalls etwas erwarten könnt, verdient ihr dafür besondere Anerkennung? Auch bei denen, die nicht nach Gott fragen, leiht einer dem anderen in der Hoffnung auf eine entsprechende Gegenleistung. Nein, gerade eure Feinde sollt ihr lieben! Tut Gutes und leiht, ohne etwas zurückzuerwarten. Dann wartet eine große Belohnung auf euch, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.«

Die sogenannte „Goldene Regel“ wird oft passiv formuliert: „Was du nicht willst, das man dir tu..!“ Oder im ersten Testament: „Was du hasst, das tu niemand anderem an!“ Aber Jesus dreht das um und formuliert: „Handelt allen Menschen gegenüber so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet.“ Was erwarte ich von anderen Menschen? Beachtung, Anerkennung, Lob, konkrete Hilfe, wenn es mir schlecht geht – was noch? Von meinen Feinden – den Menschen, mit denen ich im Konflikt bin - erwarte ich, dass sie einen Weg zu mir finden, wieder miteinander zu reden, um Konflikte zu lösen. Aber bin ich bereit, diesen Weg zu gehen? Oft ist es erforderlich, sich in die Rolle und Stellung des Anderen zu versetzen, seine Blockaden und Ängste wahrzunehmen – ihn oder sie als Mensch in seiner / ihrer Bedürftigkeit und Begrenztheit zu sehen. Und warum sollte ich das tun? Jesus sagt: „Gott ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“ Ich selbst erfahre tagtäglich die Barmherzigkeit Gottes – darum kann ich selbst barmherzig sein. Es wird konkrete Fälle geben, in denen sehe ich keinen Weg zu einer Versöhnung. Da scheint alles gesagt. Doch da heißt es: „Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch Böses tun.“ Das kann ich auf jeden Fall tun – segnen, beten. Ich glaube, Gebet verändert die Atmosphäre – bei meinem Feind und bei mir. Vielleicht sehe ich danach Wege, die zum Anderen führen. 


26. September  Lukas 6 20 – 26

Jesus blickte seine Jünger an und sagte: »Glücklich zu preisen seid ihr, die ihr arm seid; denn euch gehört das Reich Gottes. Glücklich zu preisen seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr werdet satt werden. Glücklich zu preisen seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Glücklich zu preisen seid ihr, wenn ihr um des Menschensohnes willen gehasst und ausgestoßen werdet und wenn man euch um seinetwillen beschimpft und euren Namen in den Schmutz zieht. Freut euch, wenn das geschieht; tanzt und springt vor Freude! Denn im Himmel wartet eine große Belohnung auf euch. Genauso haben es ja ihre Vorfahren mit den Propheten gemacht. Doch weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt euren Trost damit schon erhalten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet trauern und weinen. Und weh euch, wenn alle Leute gut von euch reden! Genauso haben es ja ihre Vorfahren mit den falschen Propheten gemacht.«

Anders als in der Bergpredigt berichtet Lukas von einer „Feldrede“. Er spricht seine Jünger an, das sind bei Lukas mehr als die zwölf. Ich habe Schwierigkeiten mit diesen radikalen Worten! „Im Himmel die Belohnung!“ Ist das nicht Vertröstung aufs Jenseits? Und für die anderen – Bestrafung! Was sind es für Leute, zu denen Jesus hier spricht? (Und Lukas, der für die Gemeinde schreibt) Es sind Arme, Hungernde, Weinende, Leute, die gehasst werden und ausgestoßen werden. Der scharfe Gegensatz entsteht nicht zuerst in der Predigt, er ist in der Realität der Leute da: Sie, die das Reich des Friedens und der Liebe verkünden, erleben das genaue Gegenteil. Das ist die Situation der verfolgten Gemeinde, an die Lukas schreibt. Denen, die reich und satt sind, die lachen und ein leichtes Leben auf Kosten der anderen haben, gelten diese Gerichtsworte. Ist das auch eine Mahnung an uns? 

25.September  Lukas 6, 12 – 19
Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb über Nacht im Gebet zu Gott. Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte: Simon, den er auch Petrus nannte, und Andreas, seinen Bruder, Jakobus und Johannes; Philippus und Bartholomäus; Matthäus und Thomas; Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Simon, genannt der Zelot; Judas, den Sohn des Jakobus, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde. Und er ging mit ihnen hinab und trat auf ein ebenes Feld, er und eine große Schar seiner Jünger und eine große Menge des Volkes aus dem ganzen jüdischen Land und Jerusalem und aus dem Küstenland von Tyrus und Sidon, die gekommen waren, ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden; und die von unreinen Geistern umgetrieben wurden, die wurden gesund. Und alles Volk suchte ihn anzurühren; denn es ging Kraft von ihm aus und heilte sie alle.
Die Jesus-Bewegung nimmt Fahrt auf! 12 Jünger – das ist ein Programm: Jesus hat seine Sendung auf Israel gerichtet – dieses auserwählte Volk will er sammeln. 12 Jünger symbolisch für die 12 Stämme. Sie sind Apostel, Gesandte und als solche seine Stellvertreter. Offenbar hat Jesus die Zeit in der Einsamkeit im Gebet gebraucht, um zu entscheiden – sich von Gott zeigen zu lassen – wer zu diesem Kreis gehört. Wie treffe ich wichtige Entscheidungen? Gönne ich mir eine Zeit der Stille und erwarte ich, dass da „etwas kommt“? 
Bemerkenswert ist, dass die Wahl der Apostel nicht perfekt ist. Da ist Judas, der zum Verräter werden wird, dabei. Warum? Vom Ende her gedacht ist Judas derjenige, der Jesus ausliefert und ihn ans Kreuz bringt. Doch Jesus ist ganz Mensch und sieht das nicht voraus. Judas hat die Chance, einen anderen Weg einzuschlagen. Er entscheidet sich gegen Jesus und wird damit letztlich die Erlösung am Kreuz mit bewirken.  Unsere falschen Entscheidungen können Gottes Pläne nicht aufheben, ja er kann sie sogar "einbauen", um zu seinem Ziel zu kommen. 

24.September.  Lukas 6, 6 - 11

An einem anderen Sabbat, als Jesus in die Synagoge ging und lehrte, war dort ein Mann, dessen rechte Hand verkrüppelt war. Die Schriftgelehrten und Pharisäer beobachteten Jesus aufmerksam; sie wollten sehen, ob er am Sabbat heilen würde. Sie hofften nämlich, einen Vorwand zu finden, um ihn anklagen zu können. Jesus wusste, was sie dachten. »Steh auf und komm nach vorn!«, sagte er zu dem Mann mit der verkrüppelten Hand. Der Mann stand auf und trat vor. Nun wandte sich Jesus zu den Schriftgelehrten und Pharisäern und sagte: »Ich frage euch: Was ist richtig – am Sabbat Gutes zu tun oder Böses? Einem Menschen das Leben zu retten oder ihn ins Verderben zu stürzen?« Er sah sie alle der Reihe nach an. Dann befahl er dem Mann: »Streck deine Hand aus!« Der Mann tat es, und seine Hand war geheilt. Da wurden sie von sinnloser Wut gepackt und berieten miteinander, was sie gegen Jesus unternehmen könnten.

Es ist auch im Judentum geboten, einem Menschen in Not am Sabbat zu helfen. Aber ist der Mann mit der verkrüppelten Hand in akuter Not? Könnte Jesus ihn nicht am Montag heilen? Den Gegnern Jesu geht es darum, Jesus bei einer Gesetzesübertretung zu ertappen. Jesus aber verfolgt mit seinem Handeln zwei Dinge: Einmal geht es um die Heilung eines Menschen, der schon lange leidet. Zum Anderen konfrontiert er seine Gegner mit einem messianischen Wunder, das sie nicht abstreiten können. Damit sagt er: Wenn eure Gesetzesbefolgung etwas Gutes und Heilsames verhindert, dann stimmt sie nicht! Und wir? Immer, wenn wir im Namen der Religion einem leidenden Menschen sagen: "Das ist jetzt nicht so wichtig!" oder "Warte bis morgen, stell dich nicht so an!" begeben wir uns auf die Seite der Gegner Jesu. Werden wir uns in unseren Gottesdiensten und Gebeten stören lassen?  

23.September   Lukas 6, 1 - 5

An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Seine Jünger rissen Ähren ab, zerrieben sie mit den Händen und aßen die Körner. Da sagten einige der Pharisäer: »Was tut ihr da? Das ist doch am Sabbat nicht erlaubt!« Jesus entgegnete ihnen: »Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er und seine Begleiter Hunger hatten? Wie er ins Haus Gottes ging, die geweihten Brote nahm, davon aß und auch seinen Begleitern davon gab, obwohl doch niemand außer den Priestern davon essen darf?« Und Jesus fügte hinzu: »Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat.« 

Die Regeln im Judentum waren streng – am Sabbat wurden Schritte gezählt - 1000 sind erlaubt - und jede Arbeit war verboten, sogar Feuer im Herd zu machen. Jesus erinnert an David, der in der Not seiner Flucht von Broten aß, die Gott und den Priestern vorbehalten waren. Aber das war ja eine Notsituation – die Jünger aber hatten einfach nur Hunger. Wo kommen wir hin, wenn wir die Bedürfnisse der Menschen über die heiligen Gebote stellen? So argumentieren strenge Gläubige bis heute. Doch Jesus entscheidet in der konkreten Situation anders. Es heißt hier nicht: "Der Mensch ist Herr über den Sabbat" sondern: "Der Menschensohn",  Jesus selbst.  Sein Verhalten gegenüber Menschen, sein Leben und Sterben für uns sind Maßstab für unser Leben. Und was heißt das an diesem Tag? 

22. September: Lukas 5, 33 – 39
Daraufhin sagten sie zu Jesus: »Die Jünger des Johannes fasten oft und verrichten Gebete, ebenso die Jünger der Pharisäer; deine Jünger jedoch fasten nicht, sondern essen und trinken.« Jesus entgegnete ihnen: »Könnt ihr etwa bei einer Hochzeit die Gäste fasten lassen, während der Bräutigam noch bei ihnen ist? Es kommt allerdings eine Zeit, wo ihnen der Bräutigam entrissen sein wird; dann werden sie fasten.« Jesus gebrauchte noch einen Vergleich; er sagte: »Niemand schneidet ein Stück Stoff aus einem neuen Kleid und flickt damit ein altes; sonst ist das neue Kleid zerschnitten, und zu dem alten passt das herausgeschnittene Stück ja gar nicht. Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche. Er gärt ja noch und würde die Schläuche zum Platzen bringen; der Wein würde auslaufen, und auch die Schläuche wären nicht mehr zu gebrauchen. Nein, jungen Wein füllt man in neue Schläuche. Aber niemand, der vom alten Wein getrunken hat, will vom jungen etwas wissen. ›Der alte ist besser‹, sagt er.«

Der letzte Satz kann einen verwirren. Ist das Alte jetzt doch besser? Es ging doch um Neues, Besseres, oder? Nein, im Kern geht es darum, Altes und Neues nicht zu vermischen. Dann ist nämlich Beides kaputt. Junger Wein in neue Schläuche – alter Wein soll in den alten Schläuchen bleiben. Gegenüber seinen Gegnern heißt das: Bleibt ihr nur bei euren Traditionen und Regeln – sie haben ihr Recht, es ist ja schließlich das mosaische Gesetz, das sie befolgen, von dem Jesus einmal sagt: „Ich bin nicht gekommen, es aufzulösen.“ Doch das Neue, das mit Jesus kommt, die Herrschaft Gottes, kann und soll nicht mit dem Alten vermischt werden. Das bedeutet für uns, die Nachfolger Jesu: Wagt im Namen Jesu immer wieder das Neue und vermischt es nicht mit Altem. Das Alte war nicht schlecht, doch nun bricht Neues an. Für das eigene Leben heißt das: Es gibt Wendepunkte, die ein scharfes Vorher – nachher markieren. Wenn jemand Christ wird, oder wenn jemand eine ganz neue Beziehung beginnt oder eine neue Stelle antritt. „Pflüget ein neues (Feld)“, ruft da das Wort Gottes – und beim Pflügen soll man ja laut Jesus nicht zurückschauen. Das Alte war in sich gut, aber jetzt gilt es, etwas Neues zu gestalten, Lass das Alte los, vermische nicht Neues und Altes, sonst wird es nichts. Kann ich mich (noch) vertrauensvoll auf Neues einlassen? Kann ich Altes loslassen?

21. September Lukas 5, 27 – 32

Als Jesus danach weiterging und am Zollhaus vorbeikam, sah er dort einen Zolleinnehmer sitzen, einen Mann namens Levi. Jesus sagte zu ihm: »Folge mir nach!« Da stand Levi auf, ließ alles zurück und folgte Jesus. Levi gab Jesus zu Ehren in seinem Haus ein großes Fest. Zusammen mit Jesus und seinen Jüngern nahmen zahlreiche Zolleinnehmer und andere Leute von zweifelhaftem Ruf an dem Essen teil. Die Pharisäer und ihre Anhänger unter den Schriftgelehrten waren darüber empört und stellten die Jünger zur Rede. »Wie könnt ihr nur zusammen mit Zolleinnehmern und Sündern essen und trinken?«, sagten sie. Jesus selbst gab ihnen die Antwort: »Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen; ich bin gekommen, um Sünder zur Umkehr zu rufen.«

Wer mit solchen Leuten isst und trinkt, verunreinigt sich! Das ist die Überzeugung der Pharisäer. Wie halten wir es mit diesen Leuten „von zweifelhaftem Ruf“? Betrügerische Makler, Finanzjongleure, Leute, die Frauen auf die Straße schicken, Unternehmer, die osteuropäische Arbeiter ausbeuten und so weiter? Blos Abstand halten, mit solchen Leuten sollte man nichts zu tun haben. Jesus aber geht von einer Grundüberzeugung aus: Diese Leute sind krank und sie können geheilt werden. In ihnen gibt es ein verborgenes Wissen um Gerechtigkeit und Recht. Wenn ich mit ihnen Gemeinschaft suche, kann ich dieses Wissen, diese Sehnsucht nach wahrem und richtigem Leben in ihnen wachrufen. Nicht sie werden mich „infizieren“, sondern ich sie. Und die Menschen, die Jesus begegnen, spüren: Da ist etwas, das ich zutiefst gesucht habe, da ist Sinn und Antwort auf meine Lebensfragen. Deshalb steht Levi, der Zöllner auf und lässt alles hinter sich – getroffen von dieser Erkenntnis: Das ist es! Das habe ich gesucht! Die „Gerechten“ aber gehen in ihrer Rechtschaffenheit am Leben vorbei.

20.September  Lukas 5, 17 – 26

Eines Tages, als Jesus lehrte, saßen unter den Zuhörern auch Pharisäer und Gesetzeslehrer, die aus allen Dörfern Galiläas und aus Judäa und Jerusalem gekommen waren. Die Kraft des Herrn war durch ihn wirksam, sodass Heilungen geschehen konnten. Da brachten einige Männer einen Gelähmten auf einer Tragbahre. Sie versuchten, ihn ins Haus hineinzutragen, um ihn vor Jesus niederzulegen. Doch es herrschte ein solches Gedränge, dass sie keinen Weg fanden, den Kranken zu ihm zu bringen. Da stiegen sie auf das Dach des Hauses, deckten einige Ziegel ab und ließen den Gelähmten samt seiner Bahre mitten in den Raum hinunter, genau vor Jesus. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Mann: »Mein Freund, deine Sünden sind dir vergeben!« Das erregte den Widerspruch der Schriftgelehrten und Pharisäer. »Wer ist dieser Mensch, der solche Gotteslästerungen ausspricht?«, fragten sie sich. »Niemand kann Sünden vergeben außer Gott.« Jesus wusste, was sie dachten. »Warum gebt ihr solchen Gedanken Raum in euren Herzen?«, fragte er sie. »Was ist leichter – zu sagen: ›Deine Sünden sind dir vergeben‹ oder: ›Steh auf und geh umher!‹? Doch ihr sollt wissen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben.« Und er wandte sich zu dem Gelähmten und sagte: »Ich befehle dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh nach Hause!« Sofort stand der Mann auf, nahm vor ihren Augen die Bahre, auf der er gelegen hatte, und ging, Gott lobend und preisend, nach Hause. Da gerieten alle außer sich vor Staunen und priesen Gott; voll Ehrfurcht sagten sie: »Heute haben wir unglaubliche Dinge erlebt.«

Eine tolle Geschichte! Wer solche Freunde hat, ist gut dran. Sie lassen sich in ihrer Sorge um den Freund nicht von einem Lehmdach stoppen. Aber diese Story bekommt plötzlich eine unerwartete Wendung: Alle warten doch darauf, dann Jesus den Mann heilt! Und dann sagt er: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ Nein, es kann nicht sein, dass Jesus auf diese alten Lehren vom Kranksein als Sündenstrafe zurückwill. Dem hat er an anderer Stelle deutlich widersprochen. Es kann aber sehr wohl sein, dass er etwas sieht, das anderen verborgen ist: Das Problem dieses Mannes ist nicht nur seine Lähmung, sondern zuerst seine Lebenshaltung, sein Getrenntsein von Gott – vielleicht in Verbitterung und Groll. Das ist die Wurzel seiner Krankheit. Und die muss entfernt werden. Dabei lässt sich Jesus überhaupt nicht davon beeindrucken, was die Leute sagen werden – weder die, die auf die Heilung warten noch die anwesenden Theologen. Diese schreiten auch sofort ein: Das geht ja gar nicht! Nur Gott darf…Jesus stellt eine geschickte Frage: Was ist leichter – heilen oder Sünden vergeben? Nunja, Sünden vergeben, sagen die Leute, da muss man ja nichts Sichtbares tun. Doch dann heilt er den Mann und macht damit klar: Wenn das, von dem ihr denkt, es sei das Schwerere, geschieht – dann geschieht doch auch das „Leichtere“, wenn ich es sage, oder? Jesus beansprucht damit göttliche Autorität. Was mich an der Geschichte fasziniert – außer dem kaputten Dach und den Freunden – ist, dass Jesus sich in seiner „Agenda“ überhaupt nicht durcheinanderbringen lässt – er zieht durch, was ihm wichtig ist. Und ich? Wie oft lasse ich mich von der vermuteten Reaktion der Leute von dem abhalten, das ich als wichtig und wesentlich erkannt habe?



18.September: Lukas 5, 12 – 16


In einer der Städte, durch die Jesus kam, war ein Mann, der am ganzen Körper Aussatz hatte. Als er Jesus sah, warf er sich vor ihm nieder und flehte ihn an: »Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen.« Da streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!« Im selben Augenblick verschwand der Aussatz. Jesus verbot dem Geheilten, mit jemand darüber zu sprechen. »Geh stattdessen zum Priester«, befahl er, »zeig dich ihm und bring das Opfer für deine Reinigung dar, wie Mose es vorgeschrieben hat. Das soll ein Zeichen für sie sein.« Jesus wurde immer bekannter; die Menschen strömten in Scharen herbei, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Er aber zog sich in die Einsamkeit zurück, um zu beten.

Warum endet diese Geschichte in der Einsamkeit? Sie hätte doch der Anfang einer gewaltigen Bewegung sein können: Jesus, der Heiler und Lehrer, der  berühmte Rabbi, der Tausende um sich schart. Einmal abgesehen davon, dass damals eine "Messiasbewegung" eine ziemlich gefährliche Angelegenheit war, ist Jesus offenbar nicht dran interessiert, Massen zu bewegen. Die Leute wollen Wunder sehen, ihm aber geht es um das Reich Gottes. Seine Botschaft heißt: "Kehrt um! Werdet anders!" Ja, er wendet sich dem Einzelnen zu, der seine Hilfe braucht - aber nicht, um eine Massenbewegung zu entfachen. Denn diese Masse sucht nicht ihn und seine Botschaft, sondern die Sensation. Was suche ich bei Jesus? Heilung, Befreiung, ein glücklicheres Leben? Das ist alles nicht schlecht - aber suche ich ihn und seine Botschaft, nämlich die Erlösung der Welt? 

17.September  Lukas 5, 1 – 11
Eines Tages stand Jesus am See Gennesaret; eine große Menschenmenge drängte sich um ihn und wollte das Wort Gottes hören. Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und reinigten ihre Netze. Jesus stieg in das Boot, das Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit auf den See hinauszufahren. So konnte er im Boot sitzen und von dort aus zu den Menschen sprechen. Als er aufgehört hatte zu reden, wandte er sich an Simon und sagte: »Fahr jetzt weiter hinaus auf den See; werft dort eure Netze zum Fang aus!« Simon antwortete: »Meister, wir haben uns die ganze Nacht abgemüht und haben nichts gefangen. Aber weil du es sagst, will ich die Netze auswerfen.« Das taten sie dann auch, und sie fingen eine solche Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen begannen. Deshalb winkten sie den Fischern im anderen Boot, sie sollten kommen und mit anpacken. Zusammen füllten sie die beiden Boote, bis diese schließlich so voll waren, dass sie zu sinken drohten. Als Simon Petrus das sah, warf er sich vor Jesus auf die Knie und sagte: »Herr, geh fort von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.« Denn ihm und allen, die bei ihm im Boot waren, war der Schreck in die Glieder gefahren, weil sie solch einen Fang gemacht hatten, und genauso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die zusammen mit Simon Fischfang betrieben. Doch Jesus sagte zu Simon: »Du brauchst dich nicht zu fürchten. Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein.« Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und schlossen sich ihm an.

Diese Berufungsgeschichte hat eine Voraussetzung: Simon wird von Jesus gebeten, ein wenig hinauszufahren, damit er predigen kann. Er könnte sagen: „Also, hör mal, Jesus, ich bin mit diesen Netzen noch nicht fertig. Außerdem bin ich müde, die Nacht war lang! Such dir doch einen anderen!“ Aber das steht nicht da – Simon nickt und tut worum Jesus ihn bittet. Der Beginn seiner Glaubensgeschichte ist etwas sehr einfaches: Er tut, was er leicht tun kann – und damit ist er dem Reden Jesu ganz nahe. Er hört zu – und es heißt ja, der Glaube kommt aus dem Hören. Wie könnte das bei uns aussehen? Vielleicht der Entschluss, einen Gottesdienst zu besuchen, oder jemandem zuzuhören, der seine Geschichte erzählt. Oder….es gibt viele Möglichkeiten, sich für die Botschaft Jesu zu öffnen. Erst nach diesem Hören folgt sozusagen die „zweite Stufe“: „Fahrt weiter hinaus“ Und nun kann Simon sagen: „Auf dein Wort hin!“ Das hätte er, bevor er Jesus zugehört hatte, nicht so gesagt. Bonhoeffer schreibt einmal: Nur der Glaubende ist gehorsam und nur der Gehorsame glaubt. Diese scheinbar ausweglose Situation löst er auf, indem er von Situationen spricht, in denen geglaubt werden kann. Es sind Momente, in denen beides zusammenfällt: Ich kann glauben und gehorchen. Es ist eine Situation, in die ich durch göttliche Fügung gerate: Plötzlich ist es ganz leicht, ja zu sagen, zu folgen. Es ist nicht mein heroischer Entschluss und nicht mein Verdienst – es ist ein Geschenk. So ergeht es Simon Petrus hier: Dass er Jesus nun folgt, ist für ihn nach dem Fischzug keine Frage mehr. Wo habe ich solch eine Situation erlebt? Oder: Will ich sie erleben?

16.September  Lukas 4, 40 – 44

 Als die Sonne unterging, brachten alle Leute ihre Kranken zu Jesus – Menschen mit den verschiedensten Leiden. Er legte jedem Einzelnen von ihnen die Hände auf und heilte sie. Von vielen fuhren auch Dämonen aus; diese schrien: »Du bist der Sohn Gottes!« Aber Jesus trat ihnen mit Nachdruck entgegen und verbot ihnen zu reden; denn sie wussten, dass er der Messias war. Bei Tagesanbruch verließ Jesus ´das Haus` und ging an einen einsamen Ort. Doch die Leute suchten ihn, bis sie ihn gefunden hatten. Sie wollten ihn festhalten und verhindern, dass er von ihnen wegging. Aber er sagte zu ihnen: »Ich muss auch den anderen Städten die Botschaft vom Reich Gottes verkünden, denn dazu bin ich gesandt worden.« Von da an verkündete er die Botschaft vom Reich Gottes überall in den Synagogen des jüdischen Landes.

Es wäre nicht gut für Jesus gewesen, wenn er offen als Messias aufgetreten wäre. Dafür konnte man schnell an ein Kreuz geschlagen werden. Er ist verdeckt unterwegs, seine Messianität wird nur in seinen Taten deutlich – wenn er heilt, Sünden vergibt und sich über Gesetze hinwegsetzt. Die Leute mögen Jesus, sie wollen, dass er bleibt und eine lokale Berühmtheit wird. Jesus von Kafernaum – der berühmte Rabbi, der dort eine Schule gegründet hat. Doch das ist nicht sein Ziel. Er weiß, wozu er von Gott gesandt worden ist. Er kennt seine Bestimmung – und das macht ihn frei gegenüber den Ansprüchen und dem Lob der Leute. Denn es ist oft gerade das Lob, das uns bindet: Wir brauchen dich hier, du bist eine wichtige Stütze, unverzichtbar usw. Weiß ich, was mein Ziel und meine Bestimmung ist? Was ist wirklich wesentlich? Und wo erlebe ich, dass Menschen mich in eine Bestimmung hineindrängen wollen, die nicht die meine ist? Jeder Mensch sucht Anerkennung – bin ich davon abhängig?

15.September Lukas 4, 31 – 39

Jesus ging hinunter nach Kafarnaum, einer Stadt in Galiläa, und sprach dort am Sabbat zu den Menschen. Sie waren von seiner Lehre tief beeindruckt, denn er redete mit Vollmacht. In der Synagoge war auch ein Mann, der einen bösen Geist hatte, einen Dämon. Er schrie mit lauter Stimme: »Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, um uns zugrunde zu richten? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!« – »Schweig!«, befahl ihm Jesus. »Verlass diesen Mann!« Da warf der Dämon den Mann mitten in der Synagoge zu Boden und verließ ihn, ohne ihm noch etwas antun zu können. Furcht und Staunen ergriff alle, und sie sagten zueinander: »Was für eine Vollmacht und Kraft hat sein Wort! Er befiehlt den bösen Geistern auszufahren, und sie fahren aus.« Bald gab es in der ganzen Gegend keinen Ort mehr, an dem man nicht von Jesus sprach. Von der Synagoge aus ging Jesus in das Haus Simons. Dessen Schwiegermutter hatte hohes Fieber, und man bat Jesus, ihr zu helfen. Er trat zu ihr hin, beugte sich über sie und befahl dem Fieber, sie zu verlassen. Das Fieber verschwand, und sofort stand sie auf und sorgte für das Wohl Jesu und seiner Begleiter.

Jesus hat Menschen geheilt. Das wird immer und immer wieder berichtet. Es ist die Konsequenz seiner Botschaft: Im Reich Gottes wird es weder Leid noch Krankheit geben. Die Wunder sind Zeichen des Kommenden und nicht Demonstrationen der Macht. So verstehen es die Zuschauer, aber Jesus wendet sich immer einzelnen Menschen zu, die Hilfe brauchen. Uns ist die Schilderung dämonischer Besetzung eher fremd. Aber es gibt sie. Aber es gibt hier keinen „Exorzismus“. Die Sache läuft ganz andersherum. Der Dämon in dem Mann spricht Jesus an. Er weiß, wer Jesus ist. Vier Worte spricht Jesus und der Dämon gehorcht. Die Kraft, die von Jesus ausgeht, ist so stark, dass es nicht vieler Worte bedarf. Wie anders sind oft unsere Bittgebete! Dabei sagt Jesus selbst einmal: Macht nicht viele Worte, wenn ihr betet!“ Es kommt nicht auf die Worte an – sondern auf die dahinterstehende Überzeugung, auf den Glauben, dass Gott es tun wird. Dieser Glaube entspringt einer tiefen Verbundenheit Jesu mit seinem Vater – immer wieder wird berichtet, dass er sich der Menge entzieht und irgendwo auf einem Berg sitzt und betet. Welche Intensität und Tiefe hat mein Gebet – und von welcher Überzeugung ist es getragen?

14.September: Lukas 4, 22 - 30


Alle waren von ihm beeindruckt und staunten über seine Worte. Sie mussten zugeben, dass das, was er sagte, ihm von Gott geschenkt war. »Aber ist er denn nicht der Sohn Josefs?«, fragten sie. Da sagte Jesus zu ihnen: »Ihr werdet mir sicher das Sprichwort vorhalten: ›Arzt, hilf dir selbst!‹ und werdet sagen: ›Wie wir gehört haben, hast du in Kafarnaum große Dinge getan. Nun, dann tu sie auch hier in deiner Vaterstadt!‹« »Ich sage euch«, fuhr Jesus fort, »kein Prophet gilt etwas in seiner Vaterstadt. Im Übrigen erinnere ich euch an Folgendes: Es gab in Israel viele Witwen, als es in den Tagen Elias drei Jahre und sechs Monate nicht regnete und im ganzen Land eine große Hungersnot herrschte. Und doch wurde Elia zu keiner von ihnen geschickt, sondern zu einer Witwe in Sarepta im Gebiet von Sidon. Und zur Zeit des Propheten Elisa gab es in Israel viele Aussätzige. Aber nicht einer von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman.« Als die Leute in der Synagoge das hörten, packte sie alle die Wut. Sie sprangen auf, zerrten Jesus zur Stadt hinaus und führten ihn an einen Abhang des Hügels, auf dem ihre Stadt erbaut war; dort wollten sie ihn hinunterstürzen. Jesus aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging fort.

Es hätte ein so schöner Gottesdienst werden können! Doch Jesus verdirbt ihn! Warum? Hinten den Worten „Sie mussten zugeben“ und „Ist das nicht Josephs Sohn?“ verbirgt sich eine hitzige Diskussion, die seine Worte ausgelöst haben. Der Vorwurf der Leute lautet: Wenn du der Messias sein willst, musst du Wunder vorweisen! Aber Jesus hatte in Nazareth keine Wunder vollbracht. Gerade weil ihn die Leute kennen – er ist ja hier aufgewachsen – können sie ihn nicht akzeptieren und auch nicht glauben, dass er „etwas Besonderes“ ist. Das ist ein verbreitetes Verhalten: Weil wir meinen, unsere Nächsten zu kennen, können wir in ihnen nichts anderes sehen, als das, was wir vermeintlich kennen. Wir legen unsere Nächsten auf die Rollen fest, die sie unserer Meinung nach haben sollten. Niemand sollte da zu sehr nach Höherem oder Anderem streben. Jesus weist mit seinen Beispielen aus der Geschichte Israels darauf hin: Das Heil Gottes kommt, wenn es von den Juden abgelehnt wird, eben zu den Heiden. Das ist für die frommen Nazarener eine Provokation, denn sie sind doch das Volk Gottes! Sie sehen sich nicht als die Armen, Gefangenen und Blinden, zu denen Jesus gesandt ist. Sie sind rechtschaffene Leute! Aber Jesus sagt ihnen, dass Gott an ihnen vorbeigeht und das Heil dann eben woanders stattfindet. Jesus erlebt hier die Ablehnung und den Zorn derer, die so festgefügte Meinungen und Ansichten haben, dass bei ihnen das Leben nicht wachsen kann. Gibt es bei mir solche Erfahrungen? Menschen, die mir mit ihren Einstellungen das Leben schwer machen, die Entwicklungen verhindern und in mir nur immer den „Zimmermannssohn“ oder die brave Tochter sehen? Jesus schritt mitten durch sie hindurch und ging fort….

13. September: Lukas 4, 14 – 21

Erfüllt mit der Kraft des Geistes, kehrte Jesus nach Galiläa zurück. Bald sprach man in der ganzen Gegend von ihm. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen hoch geachtet. So kam Jesus auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war. Am Sabbat ging er, wie er es gewohnt war, in die Synagoge. Er stand auf, um aus der Schrift vorzulesen, und man reichte ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er rollte sie auf und las die Stelle, an der es heißt: »Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt mit dem Auftrag, den Armen gute Botschaft zu bringen, zerbrochene Herzen zu heilen, den Gefangenen zu verkünden, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen werden, den Unterdrückten die Freiheit zu bringen, und ein Jahr der Gnade des Herrn auszurufen.« Jesus rollte die Buchrolle zusammen, gab sie dem Synagogendiener zurück und setzte sich. Alle in der Synagoge sahen ihn gespannt an. Er begann zu reden. »Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt«, sagte er zu ihnen. »Ihr seid Zeugen.« Alle waren von ihm beeindruckt und staunten über seine Worte.
Jesus hat Erfolg. Er ist als Lehrer akzeptiert – er könnte eine Karriere als Rabbi machen. Doch dann lehrt er in seiner Heimatsynagoge. Der Vorgang ist ganz üblich: Einer steht im Gottesdienst auf, ihm wird eine Schriftrolle gereicht und er sucht sich selbst den Lesetext heraus. Nicht zufällig wählt Jesus den Text aus Jesaja 61, Vers 1 und folgende. Es ist die Ankündigung des Messias. Gespannt warten die Besucher auf die Auslegung. Kühn bezieht Jesus dieses Wort auf sich: „Heute ist es erfüllt!“ Die Leute staunen – erst einmal. Der Auftrag des Messias lautet: Den Armen die gute Botschaft zu bringen! Jesus ist nicht einfach ein Rabbi, ein Lehrer – er ist der, der diese Botschaft in die Realität umsetzt, der tut, was er verkündet. Mit ihm beginnt diese Botschaft Wirklichkeit zu werden. Es ist ein Schritt über eine unsichtbare Linie. Vorher konnte man theoretisch darüber reden, diskutieren, abwägen. Nun aber hat er sich festgelegt: Das geschieht jetzt und hier, mit mir! Auch für seine Nachfolger gibt es diese „Schritte über die Linie“ – die Festlegung auf ein Handeln, das sich an dem Heil ausrichtet, das Gott den Armen versprochen hat. Wenn jemand offen für Flüchtlinge eintritt, wenn jemand die Seenotrettung offen unterstützt oder seine Zeit und Kraft denen widmet, die durch alle sozialen Netze gefallen sind oder die irgendwo in der Welt im Gefängnis sitzen - dann ist dafür Entschiedenheit notwendig. Die Umwelt sagt: Was geht das uns an? Aber Jesus sagt: Das ist mein Auftrag: Gefangenen verkünden, dass sie frei sein sollen – was nur Sinn macht, wenn sie wirklich freikommen. Wo ist die Linie, die ich vor mir sehe und die ich überschreiten werde?


12.September Lukas 4, 8 - 13


Der Teufel führte ihn auch nach Jerusalem, stellte ihn auf einen Vorsprung des Tempeldaches und sagte: »Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürz dich von hier hinunter! Denn es heißt in der Schrift: ›Er wird seine Engel schicken, damit sie dich behüten. Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit du mit deinem Fuß nicht an einen Stein stößt.‹« Jesus erwiderte: »Es heißt aber auch: ›Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht herausfordern!‹« Nachdem der Teufel alles versucht hatte, um Jesus zu Fall zu bringen, ließ er ihn für einige Zeit in Ruhe.

"Wenn du Gottes Sohn bist!" - Wäre es für Jesus am Anfang seines Wirkens nicht von Vorteil, einen klaren Beweis für seine Sendung zu haben? Seine Verwandten haben ihn für verrückt erklärt, in seinem Heimatort wird er mit Misstrauen betrachtet. Der Teufel hat den Schwachpunkt erkannt und bietet ihm scheinbare Sicherheit: Probiere es doch aus! Wieder antwortet Jesus mit einem Gotteswort. Er weiß: Sein Vater wird ihm keine andere Sicherheit bieten als die innerste Beziehung im hörenden Vertrauen. Auch wir erhalten keine "Bestätigungswunder" auf Bestellung und sind auf das Vertrauen angewiesen, das Gott uns schenkt.  


11.September Lukas 4, 3 - 7 

Der Teufel führte ihn an eine hochgelegene Stelle, zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde und sagte: »Alle diese Macht und Herrlichkeit will ich dir geben. Denn mir ist das alles übergeben, und ich gebe es, wem ich will. Du brauchst mich nur anzubeten, und alles gehört dir.« Aber Jesus entgegnete: »Es heißt in der Schrift: ›Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten; ihm allein sollst du dienen.‹«

Der zweite Bereich Der Versuchung Jesu heißt: Macht!  Wenn Menschen für ihren eigenen Machtgewinn oder Machterhalt handeln, ist das nicht ohne Weiteres erkennbar. Sie sprechen dann von gottgegebener Autorität oder von verliehener Leiterschaft. Doch hier wird nicht Gott angebetet und nicht Gott gedient, sondern dem Teufel. Wer selbst unter solcher Machtausübung steht, braucht den Mut zum Widerstand: "Ich diene allein Gott!" Aber zugleich ist es gut, sich zu fragen, ob ich in meinem "Machtbereich" Gott diene oder meinem eigenen Machtstreben. 

10.September: Lukas 4, 1 – 13
Erfüllt mit dem Heiligen Geist, verließ Jesus die Jordangegend. Vierzig Tage war er, vom Geist geführt, in der Wüste und wurde vom Teufel versucht. Während jener ganzen Zeit aß er nichts, sodass er am Ende sehr hungrig war. Da sagte der Teufel zu ihm: »Wenn du Gottes Sohn bist, dann befiehl diesem Stein hier, er soll zu Brot werden.« Aber Jesus gab ihm zur Antwort: »Es heißt in der Schrift: ›Der Mensch lebt nicht nur von Brot.‹«  

Wir geraten hier mitten in die anfängliche Geschichte Jesu: Die Taufe ist geschehen, Gott hat sich zu seinem Sohn bekannt, eine Taube war das sichtbare Zeichen des Geistempfangs. Und nun die Wüste! In drei typischen Bereichen will der Versucher Jesus zu Fall bringen. Zuerst der Bereich menschlicher Bedürfnisse. Wird Jesus seinem Hungergefühl nachgeben? Wird er versuchen, für sich selbst Wunder zu wirken, um sein Bedürfnis zu stillen? Es ist ein Beispiel – wir könnten auch an andere menschliche Bedürfnisse denken und fragen: Lasse ich mich von ihnen steuern? In welchen Situationen bin ich versucht, mich von Bedürfnissen zu Dingen treiben zu lassen, die ich sonst ablehne? Wie steht es um meine Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben? 

9.September Rut 4, 13 – 17

So nahm Boas Rut zur Frau und ging zu ihr. Der HERR ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn. Da sagten die Frauen zu Noomi: Gepriesen sei der HERR, der es dir heute nicht an einem Löser hat fehlen lassen. Sein Name soll in Israel gerühmt werden. Du wirst jemand haben, der dein Herz erfreut und dich im Alter versorgt; denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn geboren, sie, die für dich mehr wert ist als sieben Söhne. Noomi nahm das Kind, drückte es an ihre Brust und wurde seine Pflegemutter. Die Nachbarinnen rühmten ihn und sagten: Der Noomi ist ein Sohn geboren. Und sie gaben ihm den Namen Obed. Er ist der Vater Isais, des Vaters Davids.

Rut ist für Noomi mehr wert als sieben Söhne! Warum? Weil sie nicht nur an ihre Versorgung und ihr Glück gedacht hat, sondern Noomi mit hineingenommen hat. Sie hat sich dem Gesetz des ihr fremden Volkes unterworfen und ist so unter den Segen Gottes gekommen. Für Noomi bedeutet es, dem ungesicherten Stand der Witwe zu entkommen und nun rechtlich gesehen einen Sohn zu haben. Dieser Sohn ist der Großvater Davids. Damit ist Rut nun wirklich „integriert“! Wenn Gott Heilsgeschichte schreibt, kümmert er sich nicht um unsere Vorurteile. Wenn wir heute Menschen begegnen und uns um sie kümmern, kann Gott mit ihnen Geschichte schreiben. Wir wissen nie, was dabei herauskommt und welche neuen Geschichten entstehen. An welche Menschen denke ich dabei? Wen hat Gott in meinen Weg gestellt?

8.September Rut 4, 7 - 12

Früher bestand in Israel folgender Brauch: Um ein Löse- oder Tauschgeschäft rechtskräftig zu machen, zog man den Schuh aus und gab ihn seinem Partner. Das galt in Israel als Bestätigung. Der Löser sagte nun zu Boas: Erwirb es für dich! und zog seinen Schuh aus. Boas sagte zu den Ältesten und zum ganzen Volk: Ihr seid heute Zeugen, dass ich alles Eigentum Elimelechs sowie das Kiljons und Machlons aus der Hand der Noomi erworben habe. Auch Rut, die Moabiterin, die Frau Machlons, habe ich mir zur Frau erworben, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbe erstehen zu lassen, damit sein Name unter seinen Verwandten und im Tor seines Ortes nicht erlischt. Ihr seid heute Zeugen. Da antwortete das ganze Volk im Tor samt den Ältesten: Wir sind Zeugen. Der HERR mache die Frau, die in dein Haus kommt, wie Rahel und Lea, die zwei, die das Haus Israel aufgebaut haben. Handle tüchtig in Efrata und komm zu Ansehen in Betlehem! Dein Haus gleiche dem Haus des Perez, den Tamar dem Juda geboren hat, durch die Nachkommenschaft, die der HERR dir aus dieser jungen Frau geben möge.

Der Brauch, einen Schuh auszuziehen, wird in 5.Mose 25, 5f andersherum dargestellt: Die durch den Löser verschmähte Frau zieht ihm zu seiner Schande einen Schuh aus und spuckt ihn an. Hier passt ds nicht, denn Rut will ja diesen Mann gar nicht. Boas folgt konsequent dem Vorschlag der beiden Frauen. Das Volk aber äußert Bemerkenswertes: Rut wird hier mit Rahel und Lea vergleichen – sie haben das Haus Israel aufgebaut und nicht etwa die Männer! Und sie wird mit Tamar vergleichen. Das ist die Witwe, der Juda einst seinen Sohn verweigerte und die dann ihn selbst verführte, um einen Sohn zu bekommen. Lauter starke Frauen – und nun Rut, die Ausländerin! Gott ist kein Traditionalist! Wer mit ihm geht, sollte damit rechnen, dass Traditionen durchbrochen werden und neue Dinge passieren. Und wo muss ich mich auf Neues einlassen? Gott will, dass allen Menschen geholfen wird.



7.September Rut 4, 1 – 6

Indes war Boas zum Tor gegangen und hatte sich dort niedergelassen. Da ging gerade der Löser vorüber, von dem Boas gesprochen hatte. Er sagte zu ihm: Komm herüber und setz dich hierher! Der kam herüber und setzte sich. Dann holte Boas zehn Männer von den Ältesten der Stadt und sagte: Setzt euch hierher! Sie taten es. Darauf sagte er zu dem Löser: Das Grundstück, das unserem Verwandten Elimelech gehört, will Noomi, die aus dem Grünland Moabs zurückgekehrt ist, verkaufen. Ich dachte, ich will dich davon unterrichten und dir sagen: Erwirb es in Gegenwart der hier Sitzenden und in Gegenwart der Ältesten meines Volkes! Wenn du lösen willst, so löse! Willst du aber nicht lösen, so sag es mir, damit ich es weiß; denn außer dir ist niemand zum Lösen da und ich bin nach dir an der Reihe. Jener antwortete: Ich werde lösen. Boas fuhr fort: Wenn du den Acker aus der Hand der Noomi erwirbst, dann erwirbst du zugleich auch die Moabiterin Rut, die Frau des Verstorbenen, um den Namen des Toten auf seinem Erbe erstehen zu lassen. Der Löser sagte: Dann kann ich für mich nicht lösen, sonst schädige ich mein eigenes Erbe. Übernimm du mein Löserecht; denn ich kann nicht lösen.

Das „Tor“ war die Gerichtsstätte, an der Geschäfte und Verträge verhandelt wurden und Recht gesprochen wurde. Wieder ein Zufall: Gerade zur rechten Zeit geht der Löser der Familie vorbei. Zehn Männer, eine ganze Gemeinde also, versammeln sich nun. Nun wird zuerst über das Grundstück verhandelt, das Noomi gehört. Es ist Erbbesitz und darf nicht veräußert werden. Aber es ist verpfändet und muss für die Sippe ausgelöst werden. Dazu ist der Mann bereit. Doch als er erfährt, dass dazu auch eine Frau, Rut, gehört, macht er einen Rückzieher. Denn ein zu erwartendes Kind mit Rut wäre in diesem Fall der Erbe seines gesamten Besitzes. Offenbar aber hat er schon Kinder, die er nicht schädigen will. Das hat Boas offenbar vorhergesehen. Um ganz sicher zu gehen, hat er diese Verhandlung in größtmöglicher Öffentlichkeit geführt, sozusagen gleich beim Notar der damaligen Zeit. Gerade in der Verwandtschaft ist es manchmal erforderlich, so klug zu sein und Dinge offen fest zu machen, statt sich auf Absprachen unter vier Augen zu verlassen. Gerade wenn es um Geld und Besitz geht, ist es oft ratsam, die .Schwächen des Nächsten mit zu bedenken.  Wir sind alle Menschen! 

6.September Rut 3, 12 – 18


(Boas sagt: ) Gewiss, ich bin Löser, aber es gibt noch einen Löser, der näher verwandt ist als ich. Bleib über Nacht, und wenn er dich dann am Morgen lösen will, gut, so mag er lösen. Wenn er dich aber nicht lösen will, so werde ich dich lösen, so wahr der HERR lebt. Bleib liegen bis zum Morgen! Sie blieb zu seinen Füßen liegen bis zum Morgen. Doch noch ehe man einander erkennen konnte, stand sie auf. Denn Boas wollte nicht bekannt werden lassen, dass die Frau auf die Tenne gekommen war. Er sagte zu ihr: Reich mir das Tuch, das du umgelegt hast! Sie hielt es hin und er füllte sechs Maß Gerste hinein und lud es ihr auf. Dann ging er zur Stadt. Rut kam nun zu ihrer Schwiegermutter und diese fragte: Wie steht es, meine Tochter? Sie erzählte ihr, wie viel Gutes ihr der Mann erwiesen hatte, und sagte: Diese sechs Maß Gerste hat er mir gegeben; denn er meinte: Du sollst nicht mit leeren Händen zu deiner Schwiegermutter kommen. Noomi antwortete ihr: Warte ab, meine Tochter, bis du erfährst, wie die Sache ausgeht; denn der Mann wird nicht ruhen, ehe er noch heute die Sache erledigt hat.

Es sind archaische Gesetze, die hier zur Anwendung kommen: Es gibt in der Verwandtschaft noch einen, der direkter mit Rut und Noomi verwandt ist. Wenn diese Person das Erbe, auf dem eine Hypothek ist, auslöst, wird er auch Rut zu „übernehmen“ haben. Warum ist Noomi dieses Risiko eingegangen? Zum einen bleibt ihr nichts Anderes übrig – die Gesetze sind nun einmal so. Zum anderen aber erkennt sie in der zufälligen Begegnung Ruts mit Boas auf dem Feld die Hand Gottes – und das ist entscheidend: Sie vertraut darauf, dass Gott ihr und Rut diesen Mann geschickt hat, um ihre Zukunft zu sichern. Und so treibt sie diesen Plan im Vertrauen auf Gott voran. In dem erneuten Geschenk erkennt sie Boas Verlangen, Rut zu bekommen. Der sorgt sich schon um den Ruf seiner Zukünftigen – niemand soll sagen können, dass sie heimlich zusammen waren. Rut aber muss nun abwarten. So gibt es eine Zeit der Aktivität und eine Zeit des Abwartens. Wenn ich mein Teil in einer Angelegenheit getan habe, ist es oft gut, abzuwarten – so wie ein Schachspieler einen Zug wählt und dann warten muss, was sein Gegenüber tut. Ruts Abwarten ist von Vertrauen getragen: Gott wird diese Sache zu einem guten Ende führen! Wo muss ich abwarten?

5.September Rut 3 7 - 11

Als Boas gegessen und getrunken hatte und es ihm wohl zumute wurde, ging er hin, um sich neben dem Getreidehaufen schlafen zu legen. Nun trat sie leise heran, deckte den Platz zu seinen Füßen auf und legte sich nieder. Um Mitternacht schrak der Mann auf, beugte sich vor und fand eine Frau zu seinen Füßen liegen. Er fragte: Wer bist du? Sie antwortete: Ich bin Rut, deine Magd. Breite doch den Saum deines Gewandes über deine Magd; denn du bist Löser. Da sagte er: Gesegnet bist du vom HERRN, meine Tochter. So zeigst du deine Güte noch schöner als zuvor; denn du bist nicht den jungen Männern, ob arm oder reich, nachgelaufen. Jetzt aber, fürchte dich nicht, meine Tochter! Alles, was du sagst, will ich dir tun; denn jeder im Tor weiß, dass du eine tüchtige Frau bist.

Der Zeitpunkt ist klug gewählt. Wie oft gehen Kommunikationen schief, weil es dem Anderen eben nicht „wohl zumute“ ist. Es ist Klugheit, schwierige Dinge dann zu verhandeln, wenn mein Gegenüber dafür empfänglich ist – so wie Boas neben seinem Getreidehaufen nach getaner Arbeit. Nun kann Rut ihr Anliegen vorbringen: Du bist der Löser! Du könntest mich heiraten, wenn du willst. Hatte Noomi nicht gesagt: „Er wird dir sagen, was zu tun ist?“ Hier aber sagt Rut, was er tun soll! Und sie verknüpft das Eheangebot mit der Lösung, nimmt also Noomi mit in diese Sache hinein. Boas offenbart in seiner Antwort seine geheime Sorge: Diese junge Frau wird doch eher jüngeren Männern nachschauen! Jetzt trifft ein, was er insgeheim gehofft hat – und sich nicht anzusprechen getraut hat. Rut hat offene Türen eingerannt. Aber das war nur im Dunkel der Nacht ohne Öffentlichkeit möglich und barg ein großes Risiko: Boas hätte leicht über Rut herfallen können, um am Morgen so zu tun, als sei da nichts gewesen. Wo will ich im Glauben Risiken eingehen? Etwa indem ich jemandem vertraue, ihm etwas anvertraue oder leihe, oder ihm oder ihr mein privates Leben öffne? Ich sage damit: Ich vertraue dir – und dadurch entsteht eine tiefere Beziehung.

4.September  Rut 3, 1 – 6

Ihre Schwiegermutter Noomi sagte zu ihr: Meine Tochter, ich möchte dafür sorgen, dass du einen Ort der Geborgenheit findest, wo es dir gut geht. Nun ist ja Boas, bei dessen Mägden du warst, ein Verwandter von uns. Heute Abend worfelt er die Gerste auf der Tenne. Wasch dich, salbe dich und zieh dein Obergewand an, dann geh zur Tenne! Zeig dich aber dem Mann nicht, bis er fertig gegessen und getrunken hat. Wenn er sich niederlegt, so merk dir den Ort, wo er sich hinlegt. Geh dann hin, deck den Platz zu seinen Füßen auf und leg dich dorthin! Er wird dir dann sagen, was du tun sollst. Rut antwortete ihr: Alles, was du sagst, will ich tun. Sie ging zur Tenne und tat genauso, wie ihre Schwiegermutter ihr aufgetragen hatte.

Rut muss der Vorschlag ihrer Schwiegermutter ja seltsam vorgekommen sein. „Wirf dich diesem Mann an den Hals!“ Aber sie kennt weder die Sitten des Landes noch Boas. Sie vertraut dem Rat Noomis, die sagt: „Ich möchte, dass es dir gut geht!“ Noomi scheint zu wissen, dass Boas ein wenig begriffsstutzig ist und einen Schubs braucht, bevor er tätig wird. Trotzdem ist das Ganze natürlich ein Wagnis. Doch Rut weiß, dass Noomi Lebenserfahrung hat und sich auskennt. Sie soll den Zeitpunkt abpassen, an dem es ruhig wird und niemand mehr auf sie achtet. Ihr Niederlegen zu seinen Füßen sagt: „Ich will dich! Ich will zu dir gehören!“ Öffentlich wäre das eine Unverschämtheit, im Geheimen lässt es Boas die Entscheidung. Habe ich Menschen, auf deren Rat ich vertrauen kann, von denen ich weiß, dass es ihnen allein darum geht, dass es mir gut geht und ich Geborgenheit finde? Bete um solch einen Menschen!

3.September Rut 2, 19 –23


Ihre Schwiegermutter fragte: Wo hast du heute aufgelesen und gearbeitet? Gesegnet sei, der auf dich Acht hatte. Sie berichtete ihrer Schwiegermutter, bei wem sie gearbeitet hatte, und sagte: Der Mann, bei dem ich heute gearbeitet habe, heißt Boas. Da sagte Noomi zu ihrer Schwiegertochter: Gesegnet sei er vom HERRN, der seine Güte den Lebenden und Toten nicht entzogen hat. Und sie erzählte ihr: Der Mann ist mit uns verwandt, er ist einer unserer Löser. Die Moabiterin Rut sagte: Er hat noch zu mir gesagt: Halte dich an meine Knechte, bis sie meine Ernte eingebracht haben! Gut, meine Tochter, sagte Noomi zu Rut, ihrer Schwiegertochter, wenn du mit seinen Mägden hinausgehst, dann kann man dich auf einem anderen Feld nicht belästigen. Rut hielt sich beim Ährenlesen an die Mägde des Boas, bis die Gersten- und Weizenernte beendet war. Danach blieb sie bei ihrer Schwiegermutter.

Boas ist „Löser“, das heißt, er hat in der Familie besondere Pflichten denen gegenüber, die in Not geraten sind. So sollte er den verpfändeten Grundbesitz zurückkaufen und in Sklaverei geratene Familienmitglieder auslösen. Falls der Bruder stirbt, heiratet er die Witwe, um mit ihr Nachkommen zu zeugen. Das ist bei Boas und Noomi offenbar nicht der Fall, aber die besondere Versorgungspflicht wird hier auf den entfernten Verwandten ausgeweitet. Wenn Hiob bekennt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, verwendet er das gleiche Wort „goel“, das hier steht. Rut steht nun unter dem Schutz des Boas. Gott hat dafür gesorgt, dass Boas sein Amt wahrnimmt, indem er Rut auf das richtige Feld geführt hat. Boas brauchte offenbar diese Begegnung, vorher wusste er zwar von der Geschichte mit Noomi, wurde aber nicht tätig, weil er nicht unmittelbar verwandt war. Wir können öfters erleben, dass Gott in Notzeiten die Dinge so lenkt, dass sich Gutes und Neues ergibt. Wo habe ich die Fürsorge Gottes in meinem Leben erlebt? Wo ist er mir zum „Löser“ geworden? )der ist mir jemand zum "Löser" geworden?

 

2.September  Rut 2, 14 – 18

Zur Essenszeit sagte Boas zu ihr: Komm hierher und iss von dem Brot, tauch deinen Bissen in die Würztunke! Sie setzte sich neben die Schnitter. Er reichte ihr geröstete Körner und sie aß sich satt und behielt noch übrig. Als sie wieder aufstand zum Ährenlesen, befahl Boas seinen Knechten: Auch wenn sie zwischen den Garben liest, dürft ihr sie nicht schelten. Ihr sollt sogar für sie eigens etwas aus den Bündeln herausziehen und liegen lassen; sie mag es auflesen und ihr dürft sie nicht schelten. So sammelte sie auf dem Feld bis zum Abend. Als sie ausklopfte, was sie aufgelesen hatte, war es etwa ein Efa Gerste. Sie hob es auf, ging in die Stadt und ihre Schwiegermutter sah, was sie aufgelesen hatte. Dann packte sie aus, was sie von ihrer Mahlzeit übrigbehalten hatte, und gab es ihr.

Boas tut hier mehr als man von ihm erwarten kann. Er wird als ganz offensichtlich verliebt dargestellt. Seine Knechte werden gegrinst haben – der alte Boas! Bei Rut ist bemerkenswert, dass sie an ihre Schwiegermutter denkt. Sie arbeitet nicht nur für sich, sondern auch für sie und schleppt zwei Eimer Gerste nach Hause. Ja, sie denkt daran, das, was von der Mahlzeit übrig ist, auch noch mitzunehmen. Ein wichtiges Wort in Beziehungen ist „Wertschätzung“. Mein Partner oder mein Freund, meine Freundin ist mir so wichtig, so dass ich in Kleinigkeiten des Alltags daran denke, ihm oder ihr Gutes zu tun, sie zu überraschen oder ungefragt zu helfen. Beziehung lebt in solchen Zeichen der Wertschätzung. An wen denke ich nun gerade?


1.September  Rut 2, 10 - 13

Sie sank nieder, beugte sich zur Erde und sagte zu ihm: Wie habe ich es verdient, dass du mich so achtest, da ich doch eine Fremde bin? Boas antwortete ihr: Mir wurde alles berichtet, was du nach dem Tod deines Mannes für deine Schwiegermutter getan hast, wie du deinen Vater und deine Mutter, dein Land und deine Verwandtschaft verlassen hast und zu einem Volk gegangen bist, das dir zuvor unbekannt war. Der HERR, der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um dich unter seinen Flügeln zu bergen, möge dir dein Tun vergelten und dich reich belohnen. Sie sagte: Ich habe Gnade gefunden in deinen Augen, Herr. Du hast mir Mut gemacht und zum Herzen deiner Magd gesprochen und ich bin nicht einmal eine deiner Mägde.

 Boas findet wohl Gefallen an seinem Versteckspiel und vermutlich auch an Rut. Er erklärt sein Verhalten aber mit dem Segen Gottes, der für Rut gilt, weil sie alles verlassen hat und mit Noomi gegangen ist. So ist Rut ein Vorbild einer Nachfolgerin und Gottsucherin. Boas selbst betont in seinen Worten die Verbindung von Rut und Noomi. Anders als sonst in der Bibel wird die ganze Geschichte über zwei starke Frauen entwickelt. Sie treiben die Dinge voran, nicht die Männer! Boas macht Rut Mut, er hat „zu ihrem Herzen gesprochen.“ Das ist die Möglichkeit, die wir Menschen haben: Uns im Namen Gottes Mut machen, zu dem Herzen eines oder einer anderen sprechen. Kenne ich solche Momente? Welchen Menschen mache ich Mut – und welche haben mir Mut gemacht?

31.August Rut 2, 4 – 9
Und nun kam Boas von Betlehem dazu. Er sagte zu den Schnittern: Der HERR sei mit euch! Sie antworteten ihm: Der HERR segne dich. Boas fragte seinen Knecht, der die Schnitter beaufsichtigte: Wem gehört dieses Mädchen da? Der Knecht, der die Schnitter beaufsichtigte, antwortete: Es ist eine junge Moabiterin, die mit Noomi aus dem Grünland Moabs gekommen ist. Sie hat gesagt: Ich möchte gern Ähren lesen und bei den Garben hinter den Schnittern her sammeln. So kam sie und hielt aus vom Morgen bis jetzt und gönnte sich kaum Ruhe. Boas sagte zu Rut: Höre wohl, meine Tochter, geh auf kein anderes Feld, um zu lesen; entfern dich nicht von hier, sondern halte dich an meine Mägde; behalte das Feld im Auge, wo sie ernten, und geh hinter ihnen her! Ich habe den Knechten befohlen, dich nicht anzurühren. Hast du Durst, so darfst du zu den Gefäßen gehen und von dem trinken, was die Knechte schöpfen.

Boas begreift sofort, dass Rut zu seiner Sippe gehört. Rut weiß das nicht. Boas sagt ihr das nicht – es scheint so, als wolle er sie prüfen. Doch er sorgt auch für sie: Sie darf trinken und die Knechte beschützen sie. Denn ihre Stellung ist ja alles andere als sicher, sie ist als Ausländerin und junges Mädchen durchaus in Gefahr. Hier kann man sich zwei Dinge überlegen: Einmal ist da die Erfahrung von Hilfe durch andere Menschen, die völlig „vom Himmel fällt“. Meine Mutter hat immer erzählt, dass sie als junge schwangere Frau versucht hat, in einen der letzten überfüllten Züge zu gelangen, die Berlin im Krieg verließen. Mitten im Gedränge rief plötzlich ein Mann: „Die Frau da! Lasst sie herein!“ Sie hat nie erfahren, wer da gerufen hat! Wo habe ich Erfahrungen überraschender Hilfe gemacht. Und andersherum: Wo bin ich selbst zu solch einem rettenden Engel geworden – vielleicht gerade einem Ausländer oder einer Geflüchteten gegenüber?


30.August Rut 1, 22 – 2,3

Es war aber um die Zeit, da die Gerstenernte anging, als Noomi mit ihrer Schwiegertochter Rut, der Moabiterin, zurückkam vom Moabiterland nach Bethlehem. Nun hatte Noomi einen Verwandten ihres Mannes, einen angesehenen und redlichen Mann aus der Sippe Elimelechs, und sein Name war Boas. Und Rut, die Moabiterin, sprach zu Noomi: Lass mich aufs Feld gehen und Ähren auflesen bei einem, vor dessen Augen ich Gnade finde. Sie aber sprach zu ihr: Geh hin, meine Tochter! Rut ging hin und las auf dem Feld hinter den Schnittern her. Dabei war sie auf ein Grundstück des Boas aus dem Geschlecht Elimelechs ( = Gott ist König) geraten.

Es ist eine schwierige Rückkehr in die alte Heimat, nach Bethlehem (= Haus des Brotes!). Noomi, hat wenig Aussichten, sich und Rut zu ernähren. Zwar gibt es Verwandte, aber werden die sich um sie kümmern? Ausgerechnet Rut, die Ausländerin ergreift die Initiative und beruft sich auf ein Gesetz in Israel, in dem festgelegt ist, dass Arme hinter den Erntearbeitern auf dem Feld hergehen dürfen, um einzelne Ähren einzusammeln. Aber da muss man schon jemanden finden, der sich nach diesem Gesetz richtet. Rut wagt es und setzt damit die weiteren Geschehnisse in Gang. 
Man kann in seinen Problemen sitzen bleiben oder gar passiv auf die Hilfe Gottes hoffen – oder im Vertrauen gehen und etwas wagen. Hier bei Rut lenkt Gott ihren Weg ausgerechnet auf das Feld des Verwandten Boas. Das heißt: Geh im Vertrauen auf die lenkende Hand Gottes! Erwarte, dass Er deinen Weg gestaltet und dir Türen öffnet. Geh!

29.August Rut 1, 19 - 21

So zogen sie miteinander bis Betlehem. Als sie in Betlehem ankamen, geriet die ganze Stadt ihretwegen in Bewegung. Die Frauen sagten: Ist das nicht Noomi? Doch sie erwiderte: Nennt mich nicht mehr Noomi, Liebliche, sondern Mara, Bittere; denn viel Bitteres hat der Allmächtige mir getan. Reich bin ich ausgezogen, aber mit leeren Händen hat der HERR mich heimkehren lassen. Warum nennt ihr mich noch Noomi, da doch der HERR gegen mich gesprochen und der Allmächtige mir Schlimmes angetan hat?

Es gibt bittere Zeiten im Leben, an denen wir Gott selbst anklagen und ihn fragen, warum er Unglück und Leid nicht verhindert hat. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, einen Unfall zu verhindern oder eine Ansteckung nicht geschehen zu lassen. Warum bin ich genau in diesem Moment auf diese Kreuzung gefahren? Warum bin ich diesem Menschen begegnet, der das Virus in sich trug? Solche Fragen führen zu nichts, wir erhalten darauf keine Antwort. Noomi erwartet sie auch nicht – sie sagt: Der Herr hat gegen mich gesprochen, mir Schlimmes angetan! Er ist der Herr, trotzdem. Sie geht ihren Weg mit ihm weiter und darin liegt ihre Größe: Auch wenn Gott gegen sie ist, sie geht mit ihm. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass diese Geschichte eine Wendung nehmen kann. Denn mit dieser Einstellung ist Noomi fähig, zu handeln, als sich ihr die Chance bietet. Wie begegne ich bitteren Momenten im Leben?

28.August Rut 1, 14b – 18

Doch dann gab Orpa ihrer Schwiegermutter den Abschiedskuss, während Rut nicht von ihr ließ. Noomi sagte: Du siehst, deine Schwägerin kehrt heim zu ihrem Volk und zu ihrem Gott. Folge ihr doch! Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren! Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und das antun - nur der Tod wird mich von dir scheiden. Als sie sah, dass Rut darauf bestand, mit ihr zu gehen, redete sie nicht länger auf sie ein.

Warum geht Orpa nach Hause und Rut nicht? Es wäre falsch, Orpa für schlechter zu halten. Bei ihr hat die Gottesbeziehung, die sie in der Familie erlebt hatte, nicht „gezündet“. Sie kehrt zu ihrem Gott und ihrem Volk zurück. Doch Rut ist dem Gott Israels in irgendeiner Weise begegnet, so dass sie sagen kann: „Das ist mein Gott, das ist mein Volk!“ Ihre Lebensentscheidung beruht nicht nur auf der Beziehung zu Noomi, sondern auf dem Vertrauen in diesen Gott. Wir beklagen oft, dass Menschen heute Probleme mit Entscheidungen haben. Doch hier liegt ein Schlüssel: Wer Gott begegnet ist, wer von ihm „hingerissen“ ist, für den ist die Entscheidung für den Weg mit ihm keine Frage mehr. Entschiedenheit ist die Folge der Erkenntnis, das Gesuchte gefunden zu haben. Darum sagt Petrus: „Herr, wohin sollen wir (sonst) gehen? Wir haben erkannt, dass du der Heilige Gottes bist!“ Kenne ich solche Entschiedenheit in meinem Leben? 

27.August Rut 1, 6 – 14a

Da brach sie mit ihren Schwiegertöchtern auf, um aus dem Grünland Moabs heimzukehren; denn sie hatte dort gehört, der HERR habe sich seines Volkes angenommen und ihm Brot gegeben. Sie verließ zusammen mit ihren beiden Schwiegertöchtern den Ort, wo sie sich aufgehalten hatte. Als sie nun auf dem Heimweg in das Land Juda waren, sagte Noomi zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Kehrt doch beide heim zu euren Müttern! Der HERR erweise euch Güte, wie ihr sie den Toten und mir erwiesen habt. Der HERR lasse jede von euch Geborgenheit finden bei einem Gatten. Damit küsste sie beide zum Abschied; doch Orpa und Rut begannen laut zu weinen und sagten zu ihr: Nein, wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. Noomi sagte: Kehrt doch um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir ziehen? Habe ich etwa in meinem Leib noch Söhne, die eure Männer werden könnten? Kehrt um, meine Töchter, und geht; denn ich bin zu alt, noch einem Mann zu gehören. Selbst wenn ich dächte, ich habe noch Hoffnung, ja, wenn ich noch diese Nacht einem Mann gehörte und gar Söhne bekäme: Wolltet ihr warten, bis sie erwachsen sind? Wolltet ihr euch so lange abschließen und ohne einen Mann leben? Nein, meine Töchter! Mir täte es bitter leid um euch; denn mich hat die Hand des HERRN getroffen. Da weinten sie noch lauter.

Noomi nimmt bei ihrer Heimkehr nach Juda zunächst die beiden Schwiegertöchter mit. Doch auf dem Wege scheinen ihr Bedenken zu kommen: Wenn sie mitgehen, werden sie in der Fremde – denn in Juda werden sie fremd sein – wohl kaum Männer finden. Und sie selbst kann keine Söhne mehr bekommen, die als Brüder nach israelitischen Recht Orpa und Ruth heiraten müssten. Dies bedenkend drängt sie die beiden Schweigertöchter, heimzukehren und dort zu versuchen, noch Männer zu finden. Das Thema, das hier anklingt, heißt „loslassen“. Noomi ist bereit, die beiden Frauen loszulassen, denn es „täte ihr bitter leid um sie“. Es sind die eigenen Kinder, Freunde oder sogar Partner, die wir irgendwann loslassen müssen. Das ist schwierig, denn wie Orpa und Ruth möchten wir Beziehungen halten und am liebsten nichts verändern. Wen muss ich loslassen? Wer muss eigene Wege gehen, die nicht (mehr) meine Wege sind?

26.August Rut 1, 1 – 5

Zu der Zeit, als die Richter regierten, kam eine Hungersnot über das Land. Da zog ein Mann mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen aus Betlehem in Juda fort, um sich als Fremder im Grünland Moabs niederzulassen. Der Mann hieß Elimelech, seine Frau Noomi und seine Söhne hießen Machlon und Kiljon; sie waren Efratiter aus Betlehem in Juda. Als sie im Grünland Moabs ankamen, blieben sie dort. Elimelech, der Mann Noomis, starb und sie blieb mit ihren beiden Söhnen zurück. Diese nahmen sich moabitische Frauen, Orpa und Rut, und so wohnten sie dort etwa zehn Jahre lang. Dann starben auch Machlon und Kiljon und Noomi blieb allein, ohne ihren Mann und ohne ihre beiden Söhne.

Die Geschichte der Rut, Urgroßmutter Davids, beginnt als Emigrationsgeschichte. Aufgrund einer Hungersnot wandert die Familie der Noomi nach Moab aus – ausgerechnet in ein Land, dem Israel feindlich gegenübersteht. Doch davon ist hier keine Rede. Auch nicht, dass sie Wirtschaftsflüchtlinge waren. Andere sind offenbar im Land geblieben. Wir sind schnell dabei, die Motive anderer Menschen zu be- und zu verurteilen. Doch Gott nutzt die Entscheidung dieser Familie, um ein Mädchen namens Ruth zuerst in die Familie Noomis und dann nach Israel zu bringen. So kommt sie in den Stammbaum Davids und damit in Jesu Stammbaum. Gott schreibt andere Geschichten als wir uns vorstellen, sein Horizont ist unendlich weiter als unserer. Welche Heilsgeschichten schreibt er gerade in den gegenwärtigen Fluchtgeschichten? Wie können wir Gottes Handeln an Menschen unterstützen?


25.August Jesaja 25, 1 - 5

HERR, du bist mein Gott, ich will dich erheben, deinen Namen preisen, denn du hast Wunder getan, Pläne von fern her verwirklicht, zuverlässig und sicher. Du hast die Stadt zu einem Steinhaufen gemacht, die befestigte Stätte zu einem Trümmerfeld, den Palast der Fremden, dass er keine Stadt mehr ist, auf ewig wird er nicht mehr aufgebaut. Darum ehrt dich das starke Volk, die Stätte gewalttätiger Nationen fürchtet dich. Denn du bist der Schutz für den Schwachen gewesen, der Schutz für den Armen in seiner Not, eine Zuflucht vor Unwetter, ein Schatten vor glühender Hitze. Denn der Sturm der Gewalttätigen ist wie Unwetter gegen eine Mauer, wie Hitze im Trockenland. Den Lärm der Fremden trittst du nieder. Durch den Schatten einer Wolke die Hitze - er macht schwach den Gesang der Gewalttätigen.

Darf man ein „Danklied zum Untergang der feindlichen Stadt“ singen? Man muss sich in die Lage der Schwachen und Armen versetzen, um zu begreifen, wie groß die Erleichterung war, als Städte wie Ninive oder Babylon untergingen. Es waren Gewaltherrscher, die ganze Völker versklavt haben. In Deutschland können wir an die Kapitulation und den Untergang des Naziregimes denken. Wir sollten ein Danklied singen! So viele Jahre haben wir von Kapitulation und verlorenem Krieg geredet, nicht aber von Befreiung. Ja, Gott hat ein Wunder getan und dabei unsere Städte zu Steinhaufen gemacht. Es ist Handeln Gottes, indem er Feinde herbeiruft, die das Treiben jener beenden, die die Schwachen nicht schützen und die Armen vernichten. Wo muss Gott heute eingreifen, um in dieser Weise zu handeln? 

24.August Jesaja 24, 3 – 9

Verheert wird die Erde, verheert, geplündert wird sie, geplündert, denn der HERR hat dieses Wort gesprochen. Die Erde welkt, sie verwelkt, die Welt verkümmert, sie verwelkt; es verkümmern die Hohen des Volkes im Lande. Die Erde ist entweiht durch ihre Bewohner; denn sie haben die Weisungen übertreten, das Gesetz verletzt, den ewigen Bund gebrochen. Darum hat ein Fluch die Erde gefressen, und die auf ihr wohnen, mussten es büßen. Die Bewohner der Erde nahmen ab, von Menschen bleibt nur ein geringer Rest. Der Most ist vertrocknet, der Weinstock verkümmert, es seufzen alle, die freudigen Herzens waren. Zu Ende ist der fröhliche Klang der Pauken, der Lärm der Ausgelassenen hat aufgehört, zu Ende ist der fröhliche Klang der Leier. Beim Gesang trinkt man keinen Wein mehr, bitter schmeckt das Bier denen, die es trinken.

„Weltgericht“, so ist dieser Text heute überschrieben. Eine geplünderte, welkende Erde – das sagt uns heute etwas. Sollte es so sein, dass wir uns dieses Weltgericht selbst anrichten? Die Erde ist entweiht, weil wir den ewigen Bund gebrochen haben. Wir könnten fortfahren: Wir haben sie ausgeplündert, ihre natürlichen Gesetze missachtet, die Natur geschändet mit unserer Gier nach noch mehr Reichtum. Sicherlich hatte der Prophet das noch nicht im Blick, doch seine Worte bekommen heute einen ganz neuen Sinn. Gott ist der Schöpfer dieser Erde – er duldet nicht, dass wir sein Werk mutwillig zerstören. Darum bedeutet Gericht: Nach seinem Gesetz werden wir ernten, was wir säen. Doch Umkehr ist bei Gott immer möglich, der Herr des Gerichtes kann das Gericht abwenden. Aber werden seine Menschen umkehren?


23.August Jesaja 22, 15 - 19

So spricht der Herr, der GOTT der Heerscharen: Auf, geh zu diesem Verwalter, zu Schebna, dem Palastvorsteher! Wie kommst du dazu und wer bist du, dass du dir hier ein Grab ausgehauen hast? - Einer, der sich hoch oben sein Grab aushaut, sich im Felsen seine Wohnung ausmeißelt! - Siehe, der HERR schleudert dich in hohem Bogen weg, Mann! - Er wickelt dich fest ein, knäult dich zu einem Knäuel zusammen - wie einen Ball in ein nach allen Seiten hin offenes Land. Dort wirst du sterben und dorthin kommen deine Prunkwagen, du Schande im Haus deines Herrn. Ich werde dich von deinem Posten stoßen und er wird dich aus deiner Stellung reißen.

Spricht man denn so zu einem verdienstvollen Beamten? Was ist denn sein Vergehen? Vermutlich der Luxus, den er sich leistet – und die vermeintliche Sicherheit, die er damit zeigt: Wir werden im Lande bleiben, nichts wird sich hier ändern. Es ist nicht der prophetischen Zuspruch, den er verkörpert, so wie er an anderer Stelle zu lesen ist: Baut Häuser, kauft Äcker trotz der Bedrohung. Hier ist es die menschliche Überheblichkeit des „mir kann nichts passieren“, die bei Schebna sogar über den Tod hinausreicht. Nein, sagt Jesaja, das wird ganz anders sein. Dein Tun wiegt nur das Volk in eine falsche Sicherheit. Denn sie sehen auf den obersten Beamten im Staat und denken: „Wenn er solche Bauten ausführen lässt, kann es nicht so schlimm um uns bestellt sein.“ Damit ist die Verantwortung angesprochen, die wir bei unserem Tun und Verhalten haben. Wie verhalten wir uns angesichts unserer Bedrohungen? Wenn ein Regierungsmitglied heute einen dicken Dienstwagen kauft, wird er oder sie zu Recht kritisiert. Wenn die Eltern immer wieder lange Flugreisen unternehmen, werden sich die Kinder denken: So schlimm kann das mit dem Klima doch nicht sein. Schwierige Fragen: Wie werden wir unserer Verantwortung gerecht, ohne rechthaberisch zu werden? Und welche Konsequenzen bin ich bereit zu ziehen? 

22.August Jesaja 22, 1 – 14 auszugsweise

Was ist denn mit dir, dass du mit all den Deinen auf die Dächer gestiegen bist? Vom Lärm erfüllte, tobende Stätte, fröhliche Stadt!
Elam hat den Köcher erhoben, bemannte Wagen, Reiter und Kir hat den Schild enthüllt. Deine erlesenen Täler füllten sich mit Wagen, die Reiter bezogen Stellung zum Tor hin. So legte er den Schutz Judas bloß.
Ihr habt gesehen, dass die Risse der Stadt Davids zahlreich waren, und habt das Wasser des unteren Teichs gesammelt. Und habt Jerusalems Häuser gezählt; ihr habt die Häuser abgerissen, um die Mauer zu verstärken. Aber ihr habt nicht auf den geblickt, der es bewirkt, und auf den, der es von Ferne gestaltet, habt ihr nicht geschaut. Und der Herr, der GOTT der Heerscharen, rief an jenem Tag zum Weinen und zur Klage auf, zum Scheren einer Glatze und zum Gürten mit Sacktuch. Doch siehe: Freude und Frohsinn, Rindertöten und Schafeschlachten, Fleischessen und Weintrinken: Essen und Trinken, denn morgen sterben wir. Der HERR der Heerscharen offenbart sich in meinen Ohren: Diese Schuld wird euch nicht vergeben, bis ihr sterbt, spricht der Herr, der GOTT der Heerscharen.

Die drohende Belagerung Jerusalems bewirkt ganz verschiedene Aktivitäten. Die einen feiern, denn sie denken: Morgen sind wir sowieso tot! Die anderen geraten in hektische Tätigkeit, sie reißen sogar Häuser ab, um die Mauern zu verstärken. Nur eines tun sie nicht: Sie fragen nicht nach Gott, der doch ihr Schicksal in den Händen hält. Die Gottvergessenheit ist ihre Schuld. Das Verhalten der Menschen der bedrohten Stadt ist uns nicht unbekannt. Da ist auf der einen Seite der Fatalismus: Es kommt doch sowieso, wie es kommt, also feiern wir lieben, solange wir noch können, machen Party und kümmern uns nicht um kommende Katastrophen. Auf der anderen Seite steht blinder Aktionismus: Wir werden das alles schon schaffen, wenn wir uns nur anstrengen. Wir haben das doch immer geschafft! Jesaja aber mahnt uns: Der Herr unseres Schicksals kann dieses Geschick wenden, wenn wir uns ihm zuwenden. Es ist nicht unabänderlich – und andererseits ist unsere Kraft zu klein, es zu verändern. Zu welchem Verhalten tendiere ich in persönlichen Problemen und in größeren Zusammenhängen?

21.August  Jesaja 20, 1 – 6


In dem Jahr, in dem der Oberbefehlshaber nach Aschdod kam, als Sargon, der König von Assur, ihn sandte, kämpfte er gegen Aschdod und nahm es ein. In jener Zeit hatte der HERR durch Jesaja, den Sohn des Amoz, gesprochen und gesagt: Geh, löse das Sacktuch von deinen Hüften und ziehe deine Sandalen von deinen Füßen aus! Er hatte so gehandelt. Er war nackt und barfuß umhergegangen. Da sagte der HERR: Wie mein Knecht Jesaja drei Jahre lang nackt und barfuß umherging als Zeichen und Sinnbild gegen Ägypten und Kusch, so wird der König von Assur die Gefangenen Ägyptens und die Verschleppten Kuschs wegtreiben, Junge und Alte, nackt, barfuß und mit entblößtem Gesäß, zur Schande Ägyptens. Dann werden sie erschrecken und schämen sich Kuschs, ihrer Zuversicht, und Ägyptens, ihrer Zierde. Und wer diese Küste bewohnt, wird an jenem Tag sagen: Siehe, so steht es mit unserer Zuversicht, zu der wir flohen, um Hilfe zu finden und vor dem König von Assur gerettet zu werden. Wie sollten wir entkommen?

Es war bei den Propheten durchaus üblich, ihre Botschaft mit dramatischen Zeichenhandlungen zu unterstreichen – so wie hier Jesaja wie ein Gefangener der Assyrer umherläuft. Er soll deutlich machen, dass die Mächte Ägypten und Kusch (Nubien im Süden Ägyptens) keine Sicherheit gegen Assur bieten. Die Fürsten Israels und Judas verlassen sich auf die falschen Leute. Diese Reiche werden so wie alle anderen untergehen. Fehlen uns heute solche politischen Propheten? Es gab eine Menge Propheten, die die Wiederwahl Donald Trumps vorhergesagt haben – wo aber waren die Propheten, die ihnen widersprochen haben? Und wer erhebt seine Stimme, um heute im Sinne von Recht und Gerechtigkeit zu sprechen oder auf die falschen Sicherheiten zu verweisen, auf die wir uns heute verlassen?
Sind es die enormen Mengen von Waffen, mit denen wir uns vor Putin schützen? Oder die Abschottung Europas auf Kosten der Menschenrechte in der Türkei und in Lybien? Der Umgang mit Menschenrechten in China? Wie dringend bräuchten wir Gottes Weisung in diesem Durcheinander der Welt! 

20.August  Jesaja 17, 2 - 5

Wie ein Vogel dahinfliegt, der aus dem Nest vertrieben wird, so werden die Töchter Moabs an den Furten des Arnon sein. »Gib Rat, sprich Recht, mach deinen Schatten am Mittag wie die Nacht; verbirg die Verjagten, und verrate die Flüchtigen nicht! Lass Moabs Verjagte bei dir herbergen, sei du für Moab eine Zuflucht vor dem Verwüster!« Wenn der Bedränger ein Ende hat, der Verwüster aufhört und der Bedrücker aus dem Lande muss, dann wird ein Thron bereitet werden aus Gnaden, dass einer in Treue darauf sitze in der Hütte Davids und richte und trachte nach Recht und fördere Gerechtigkeit.

Das hat es also im Nahen Osten schon immer gegeben: Flucht und Vertreibung. Mächtige Herren haben ihr Land ausgedehnt, rücksichtslos Völker unterjocht oder vertrieben. So erleben wir es gerade wieder. Hier wird durch Jesaja Gottes Weisung verkündet, die Flüchtenden aufzunehmen. Man kann sich gut vorstellen, dass die Gegenargumente die gleichen sind, die uns heute begegnen: Die Stadt ist voll! Wieso sollen wir uns um die auch noch kümmern? Die nehmen uns nur die Arbeitsplätze fort! Aber auch heute geht es wie damals um Recht und Gerechtigkeit für alle Menschen. Von Zion soll das Heil und der Friede ausgehen. Unser Zion ist Christus – und bei ihm soll eine Zuflucht sein für alle Menschen. „Wenn der Bedränger ein Ende hat“ – immer wieder machen wir die Erfahrung, dass Gewaltmenschen ihr Ende finden. Dann werden die Geflohenen sich daran erinnern, dass sie Zuflucht gefunden haben und werden selbst eher bereit sein, diesem Beispiel zu folgen. Bloßes Reden verändert niemanden – erfahrene Barmherzigkeit schon. Kennst du einen Flüchtling? 

19.August Jesaja 14, 1 - 5


Denn der HERR wird sich über Jakob erbarmen und Israel noch einmal erwählen und sie in ihrem Land wieder ruhen lassen. Und Fremdlinge werden sich zu ihnen gesellen und dem Hause Jakob anhangen. Und die Völker werden Israel nehmen und an seinen Ort bringen, und dann wird das Haus Israel sie als Knechte und Mägde besitzen im Lande des HERRN. Und sie werden gefangen halten die, von denen sie gefangen waren, und werden herrschen über ihre Treiber. Und zu der Zeit, wenn dir der HERR Ruhe geben wird von deinem Jammer und Leid und von dem harten Dienst, in dem du gewesen bist, wirst du dies Lied anheben gegen den König von Babel und sagen: Wie ist's mit dem Treiber so gar aus, und das Toben hat ein Ende! Der HERR hat den Stock der Gottlosen zerbrochen, die Rute der Herrscher.

Der Text weist über das Ende Babylons und die Rückkehr der Juden nach Jerusalem hinaus – denn diese Zeit der Wiederkehr war recht armselig. Es ist eine Prophezeiung, die erst in unserer Zeit ganz Wirklichkeit geworden ist. Welche Bedeutung hat Israel für meine Glauben? Sehe ich darin das Wirken Gottes an seinem Volk? Aber manche Teile des Textes klinge nach Rache: Die gefangen halten, die mich gefangen hielten. Jesu Botschaft von der Feindesliebe geht darüber hinaus und weist einen Weg für Opfer und Täter. Da ist Israel heute leider noch nicht. Und darum sind sie nicht in dieser „Ruhe“ angekommen, die Jesaja verheißt. Wer sich an seinen Feinden rächt, ist selbst immer auch Feind und wird nicht zur Ruhe kommen, bis er sein Gegenüber „entfeindet“. Wer sind meine Feinde? Wie gehe ich mit Menschen um, die mir Böses getan haben?

18.August  Jesaja 12, 1 – 6

Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR! Du bist zornig gewesen über mich. Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils. Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme, die du wohnst auf Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Es gibt Zeiten voller Zweifel und Angst – und es gibt Zeiten, in denen wir mit ganzem Herzen die Worte dieses Textes nachsprechen können. Beides gehört zum Leben. Es ist gut, sich in „Zeiten des Zorns“ daran zu erinnern, dass Gott dennoch da ist. Und in den Zeiten des Heilseins, der Freude? Da soll nichts unsere Freude trüben, wir genießen das Empfinden dieses umfassenden Heils. Denn wir haben diese Hoffnung, die aus dem Versprechen Gottes entspringt: Dieses Heil, dieser "Shalom" ist unsere Zukunft. Zeiten des Jubelns sind ein Vorschuss auf das kommende Fest. Zeiten des Zorns werden dann Vergangenheit sein. Kenne ich Zeiten ungetrübter Freude? 

17.August  Jesaja 11, 10 – 14

Und es wird geschehen zu der Zeit, dass die Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Völker fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein. Und der Herr wird zu der Zeit zum zweiten Mal seine Hand ausstrecken, dass er den Rest seines Volks loskaufe, der übrig geblieben ist in Assur, Ägypten, Patros, Kusch, Elam, Schinar, Hamat und auf den Inseln des Meeres. Und er wird ein Zeichen aufrichten unter den Völkern und zusammenbringen die Verjagten Israels und die Zerstreuten Judas sammeln von den vier Enden der Erde. Und der Neid Ephraims wird aufhören und die Feinde Judas werden ausgerottet. Ephraim wird nicht mehr neidisch sein auf Juda und Juda Ephraim nicht mehr feind. Sie werden sich nach Westen auf die Hänge der Philister stürzen und miteinander berauben alle, die im Osten wohnen. Nach Edom und Moab werden sie ihre Hände ausstrecken, die Ammoniter werden ihnen gehorsam sein.

Die Erfüllung dieser Worte ist einmal um 539 v.Chr. geschehen, als die Juden aus Babylon und anderen Orten zurückkehrten nach Jerusalem. Aber in einer viel umfassenderen Weise geschah das 1948: Die Rückkehr nach fast 2000 Jahren Exil ist wirklich ein „Zeichen unter den Völkern“. Ephraim, das Nordreich Israel, hatte allerdings aufgehört zu existieren. Der Text enthält auch Problematisches: Die Feinde werden ausgerottet und alle im Osten beraubt. Wieder wird das als Gerichtshandeln Gottes gesehen, das an den Feinden geschieht, die die Juden unterdrückt haben. Das Problem ist, dass damit heute die Unterdrückung der Palästinenser gerechtfertigt werden kann. Somit entsprechen die Worte Jesajas in gewisser Weise der heutigen Situation: Wir freuen uns über dieses Zeichen Gottes, die Wiedererstehung des Volkes Israel. Und wir sehen die Leiden des palästinensischen Volkes und fragen uns, ob man darin wirklich Handeln Gottes sehen kann oder neue Ungerechtigkeit. Denn in einem stimmt der Text ja nicht: Die Feinde Israels sind noch da. Beten wir für Frieden! Beten wir dafür, dass Gottes Shalom endlich die Feinde versöhnt. Viele in Israel und Palästina warten darauf. 

16.August  Jesaja 11, 1 – 9

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt.

Diese alte Vision geht weit über die erfahrbare Geschichte hinaus. Wir sehen sie als Verheißung auf das Kommen Jesu Christi: Ein junger Zweig (Reis) aus dem abgehauenen Stamm Isais – der Vater Davids – wird wieder Frucht bringen. Gottes Geist ruht in besonderem Maße auf ihm und er sorgt für Gerechtigkeit und Recht. Dabei ist er ein kraftvoller Herrscher, der auch das Gericht an denen vollzieht, die sich gerechtem Handeln verweigern. So hat sich Jesus in seinem Einsatz für die Armen und ungerecht Behandelten gesehen. Und so bekennen wir heute noch: Er wird kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Doch Jesajas Vision geht weit darüber hinaus. Denn dauerhafte Gerechtigkeit erfordert eine neue Welt, eine Erde ohne Krieg und Streit und Verfall. Der Ausdruck dafür ist „Shalom“ – Heil, Friede, Gesundheit, Wohlfahrt, Sicherheit und Ruhe. Kann ich inmitten dieser Welt, wie sie ist, noch an eine solche Welt glauben? Glauben, dass Gott sie am Ende schaffen wird? Und bin ich bereit, mich in konkretem Handeln dafür einzusetzen?


15.August  Jesaja 10, 5 - 7 15a 16 

Wehe Assur, dem Stock meines Zorns!  Der Knüppel in ihrer Hand, das ist meine Wut. Gegen eine gottlose Nation (Israel) sende ich ihn und gegen das Volk meines Grimms entbiete ich ihn, um Beute zu erbeuten und Raub zu rauben, um es zu zertreten wie Lehm in den Gassen. Doch Assur stellt es sich nicht so vor, sein Herz plant es anders, es hat nur Vernichtung im Sinn, die Ausrottung nicht weniger Nationen. Aber wenn der Herr sein ganzes Werk auf dem Berg Zion und in Jerusalem vollendet hat, werde ich die Frucht des größenwahnsinnigen Königs von Assur heimsuchen und den hoffärtigen Stolz seiner Blicke. Prahlt denn die Axt gegenüber dem, der mit ihr hackt, oder brüstet die Säge sich vor dem, der mit ihr sägt? Darum schickt Gott, der HERR der Heerscharen, gegen seine fetten Leute die Schwindsucht und anstelle seiner Pracht wird ein Brand brennen wie der Brand eines Feuers. 

Gott hat der grausame Militärmacht Assur Raum gegeben, das Gericht an Israel zu vollziehen. So sieht es der Prophet. Aber das heißt nicht, dass Gott die Taten Assurs gutheißt. Denn die Assyrer haben die Deportation erfunden – sie tauschen Völker aus, vollziehen "ethnische Säuberungen“ in grausamster Weise, um ihre Herrschaft zu sichern. Die Menschen Judas dachten voller Angst: Wer kann diese Walze aufhalten, die über alle Völker geht? Das nächste Opfer ist Jerusalem! „Nein“, sagt der Prophet. „Das wird nicht geschehen!“ Und es geschah nicht. Der Feldzug gegen Jerusalem scheitert und der König von Assur wird Jahre später von seinem eigenen Sohn ermordet. Zwei Generationen später wird Ninive, die Hauptstadt, gestürmt und vernichtet. Wir können daraus ersehen: Gott lässt Kriege zu, aber er zieht Menschen, die sie anzetteln, zur Rechenschaft. Die Putins und Assads dieser Welt haben nicht das letzte Wort - sie werden verschwinden und ihre Pläne vergessen werden. Dazu ruft uns Jesaja auf: Seht nicht auf das, was diese Machtmenschen planen, sondern seht auf Gott und seine Pläne mit dieser Welt. 

Wer erinnert sich heute noch an Assyrien? Aber das kleine Juda ist immer noch da! Können wir von da her einen anderen Blick auf die Weltgeschichte bekommen? Das, was heute mächtig ist, kann morgen im Müll der Geschichte liegen! Das, was alle Menschen erregt und Angst macht, ist vielleicht nicht so wichtig, wie wir denken.



14.August  Jesaja 10, 1 - 4

Wehe denen, die unheilvolle Gesetze erlassen und unerträgliche Vorschriften machen, um die Schwachen vom Gericht fernzuhalten und den Armen meines Volkes das Recht zu rauben, damit die Witwen ihre Beute werden und sie die Waisen ausplündern! Was wollt ihr tun am Tag der Heimsuchung und beim Untergang, wenn er von ferne kommt? Zu wem wollt ihr fliehen, um Hilfe zu finden, wo euren Reichtum hinterlassen? Wer nicht mit den Gefangenen in die Knie gegangen ist, wird fallen mit den Erschlagenen. Bei alldem hat sich sein Zorn nicht gewendet und noch bleibt seine Hand ausgestreckt.

Der Prophet hat diese Grundüberzeugung: Wir sind eine Gemeinschaft, in der Recht und Gerechtigkeit herrschen sollen. Alle Menschen seines Volkes sind Kinder Gottes mit gleichen Rechten. Zwar sind wir Deutschen nicht das Volk Gottes, aber immerhin beginnt unsere Verfassung mit den Worten: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…_“ Diese Verantwortung bedeutet, dass Arme Rechte haben und Waisen nicht ausgeplündert werden. Oder dass die, die ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können, den Schutz des Staates erhalten müssen. Dass Hartz-IV-Empfänger mehr und nicht weniger erhalten. Dass schutzsuchende Flüchtlinge nicht nach Afghanistan zurückgeschickt werden. Unser Sozialstaat hat eine Grundlage – die Verantwortung vor Gott und den Menschen. Und das geht letztlich auch auf die Worte Jesajas zurück. Er ist sich sicher: Zuletzt wird es dem Volk so gehen, wie es seinen Ärmsten und Bedürftigsten geht. Sie zu schützen, ist keine Gnade, sondern Verpflichtung.

13.August  Jesaja 9. 7 - 11

Ein Wort hat der Herr gegen Jakob gesandt, es fiel nieder in Israel. Das ganze Volk sollte erkennen, Efraim und die Bewohner von Samaria, die in Anmaßung und Größenwahn sagten: Ziegelmauern sind gefallen, jetzt bauen wir mit Quadersteinen auf; Maulbeerbäume wurden gefällt, Zedern lassen wir nachwachsen! Da machte der HERR die Gegner Rezins gegen es stark und stachelte seine Feinde an: Aram vom Osten, die Philister vom Westen und sie fraßen Israel mit gierigem Maul. Bei alldem hat sich sein Zorn nicht gewendet und noch ist seine Hand ausgestreckt.

Was ist so interessant an diesem Gerichtswort? Es gibt eine Haltung Gott gegenüber, die scheinbar ein Festhalten an der Hoffnung ist, in Wirklichkeit aber verblendeter Trotz. Oder Größenwahn: Uns kann nichts schrecken! Gerade in unseren Krisenzeiten sagen wir zu schnell: Wir schaffen das! Wir sind ein starkes Land! Nach der Flüchtlingswelle kam Corona. Doch wir sagten: Das haben wir bald hinter uns, wir werden dann wieder leben wie eh und je. Einschränkungen ade! Und dann kam der Krieg. Hat uns das  irgendetwas zu sagen? Wie lautet unser Größenwahn? Globalisierung, Wachstum um jeden Preis, Leben auf Kosten der ganzen Welt und des Klimas - ds ist unsere Anmaßung.  Jesaja sagt:  Noch ist Gottes Hand ausgestreckt. Werden wir sie ergreifen und anders leben als bisher? 

12.August  Jesaja 9, 1 - 6

Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf. Du mehrtest die Nation, schenktest ihr große Freude. Man freute sich vor deinem Angesicht, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird. Denn sein drückendes Joch und den Stab auf seiner Schulter, den Stock seines Antreibers zerbrachst du wie am Tag von Midian. Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Die große Herrschaft und der Frieden sind ohne Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit, von jetzt an bis in Ewigkeit. Der Eifer des HERRN der Heerscharen wird das vollbringen.

Wir kennen diesen Text aus Weihnachtspredigten. Schon die ersten Christen haben ihn auf Jesus Christus bezogen, indem sie bekannten: Kyrios Christus – Christus ist der Herr. Jesaja sieht vor mehr als 2700 Jahren eine Zeit heraufkommen, in der Frieden herrscht und alles Kriegsgerät vernichtet wird. Wann kommt diese Zeit? Ihr Ausbleiben ist der Grund dafür, dass Juden bis heute Jesus ablehnen – denn er hat diesen Weltfrieden nicht gebracht. Wir Christen glauben mit ihnen daran, dass dies noch eintreffen wird. Aber im Unterschied zu ihnen hoffen wir nicht auf ein Einzelereignis am Ende, sondern auf die Durchsetzung seines Friedensreiches in dieser Welt, auf das Wachstum des Reiches Gottes, das wie ein Sauerteig alle Verhältnisse und Gesellschaften durchwirkt.
Kann ich glauben, dass in dieser zerrissenen und ungerechten Welt dennoch das Reich Gottes wächst? Sehe ich auf die schlimmen Nachrichten aus der Ukraine, aus Syrien, aus dem Jemen oder aus Palästina, dann kann ich nur noch verzweifeln. Sehe ich auf die Menschen, die weltweit für Frieden und Gerechtigkeit einstehen, kann ich Hoffnung gewinnen. Und sehe ich auf Jesus Christus, so kann diese Hoffnung das Bestimmende meines Lebens werden. Wohin schaue ich? 

11.August  Jesaja 8, 9 – 15


 Tobt, ihr Völker! Ihr werdet doch zerschmettert. Horcht auf, ihr Enden der Erde! Rüstet nur! Ihr werdet doch zerschmettert. Rüstet! Ihr werdet zerschmettert. Macht einen Plan! Er wird vereitelt. Verabredet eine Sache, sie kommt nicht zustande. Denn Gott ist mit uns. Denn so sprach der HERR zu mir - wie mit starker Hand - und verbot mir, auf dem Weg dieses Volkes zu gehen: Nennt nicht alles Verschwörung, was dieses Volk Verschwörung nennt! Was es fürchtet, sollt ihr nicht fürchten; wovor es erschrickt, davor sollt ihr nicht erschrecken. Den HERRN der Heerscharen sollt ihr heilig halten; vor ihm sollt ihr euch fürchten, vor ihm sollt ihr erschrecken. Er wird zum Heiligtum werden, zum Stein des Anstoßes und zum Felsen, an dem man strauchelt, für die beiden Häuser Israels: zum Netz und zum Fallstrick für die Bewohner Jerusalems. Viele werden darüber straucheln, fallen und zerschellen; sie werden sich verstricken und verfangen.

Jesaja fordert uns hier auf, einen anderen Blick auf die „wesentlichen Dinge“ dieser Welt zu entwickeln. „Denn Gott ist mit uns“ – das verändert die Sicht und auch die Vorhersagen und Pläne. „Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern?“ (Matth. 6,27) Wer Gott fürchtet, muss sich nicht vor anderen Dingen fürchten. Hier ist es die politische Bedrohung aus dem Norden, die überall Gesprächsthema ist und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Der Prophet aber sagt: Das ist überhaupt nicht wichtig! Gott ist wichtig, wenn ihr ihm gehorcht, werdet ihr sehen, wie sich die Dinge verändern. Welche Dinge sind heute überall Gesprächsthema? Natürlich die Pandemie! Der Krieg. Die Klimaveränderung. Es geht nicht darum, diese Dinge zu ignorieren. Aber sie zu fürchten, lähmt nur. Was bedeutet hier die Zusage: "Gott ist mit uns"? Nein, nicht einfach abwarten - sondern den Mut gewinnen, gegen die Angst zu handeln. Denn Gott hat diese Welt trotz allem in seiner Hand. Um es mit dem letzten Satz von Karl Barth, dem berühmten Theologen zu sagen: „Halte die Ohren steif – es wird regiert!“ 

10.August  Jesaja 7, 13 - 17


Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet? Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, eine junge Frau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben. Er wird Butter und Honig essen bis zu der Zeit, in der er versteht, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. Denn noch bevor das Kind versteht, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen, wird das Land verlassen sein, vor dessen beiden Königen dich das Grauen packt. Der HERR wird Tage kommen lassen über dich, über dein Volk und über das Haus deines Vaters, wie sie nicht gekommen sind seit dem Tag, an dem Efraim sich von Juda abwandte - nämlich den König von Assur!

Der König des Südreiches, Ahas, traut sich nicht, sich ein Zeichen von Gott zu erbitten. Er bekommt trotzdem eines: Ein Kind wird geboren, dessen Name „Gott ist mit uns“ bedeutet. Aber es ist – ganz anders als in der Weihnachtsbotschaft, wo dieser Name auf Jesus gedeutet wird – ein Zeichen für ein politisches Geschehen, das bald hereinbrechen wird. Die Koalition der feindlichen Könige wird zerbrechen, das Nordreich Israel und Syrien werden im Sturm der Assyrer untergehen. Und trotzdem heißt die Botschaft: Gott ist mit uns, auch mitten in Not und Chaos. Dieses Motto ist hier von Gott vorgegeben und es darf nicht eigenmächtig verwendet werden – wie etwa auf den Koppelschlössern deutscher Soldaten 1914. Die ersten Christen waren überzeugt, dass in Jesus dieser Immanuel wiedergekehrt ist. Wer sein Vertrauen auf Jesus setzt, der darf sagen: Gott ist mit mir. Wo jemand im Sinne Jesu lebt und handelt, kann er sagen: Gott ist mit mir! Worin brauche ich heute diese Überzeugung: „Gott ist mit mir“?

9.August  Jesaja 7 1 – 9

In der Zeit, als Ahas, der Sohn Jotams, des Sohnes Usijas, König von Juda war, zogen Rezin, der König von Aram, und Pekach, der Sohn Remaljas, der König von Israel, gegen Jerusalem hinauf in den Krieg; aber man konnte den Krieg gegen es nicht führen. Als dem Haus David gemeldet wurde: Aram hat sich auf Efraim niedergelassen!, da zitterte sein Herz und das Herz seines Volkes, wie die Bäume des Waldes im Wind zittern. Der HERR aber sagte zu Jesaja: Geh hinaus, Ahas entgegen, du und dein Sohn Schear-Jaschub, (…) Sag zu ihm: Hüte dich und verhalte dich still! Fürchte dich nicht und dein Herz sei nicht verzagt wegen dieser beiden rauchenden Holzscheitstummel, wegen des glühenden Zorns Rezins, Arams und des Sohnes Remaljas! Weil Aram gegen dich Böses plant, Efraim und der Sohn Remaljas, indem sie sagen: Wir wollen gegen Juda hinaufziehen, ihm Furcht einjagen und es uns gefügig machen; dann wollen wir den Sohn Tabeals als König in seiner Mitte einsetzen. So spricht GOTT, der Herr: Das kommt nicht zustande, das wird nicht geschehen. (..) Noch fünfundsechzig Jahre, dann wird Efraim zerschlagen, kein Volk mehr sein. (..) . Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.

Wir bekommen Einblick in die hohe Politik. Weil sich im Norden das assyrische Großreich drohend erhebt, schmieden Syrien (Damaskus) und Israel (Efraim) einen Verteidigungsplan. Doch das Südreich Juda will nicht mitmachen. Nun soll es durch einen Kriegszug in das Bündnis gezwungen werden. Das klingt nach einer vernünftigen Handlungsweise: Alle Kräfte bündeln und den Widerstand wagen. Aber Jesaja empfängt von Gott eine andere Sichtweise: Ihr wollt euch auf militärische Stärke verlassen und nicht auf Gott. Darum werdet ihr untergehen. Die entscheidende Größe ist nicht die Anzahl von Streitwagen und Schwertern, sondern euer Gottvertrauen. Wie oft geht es uns in unserem kleinen Bereich ähnlich! Wir verlassen uns auf Expertisen, Berechnungen und vernünftige Argumente. Doch das Entscheidende fehlt – ohne das Vertrauen auf Gott, sagt Jesaja, ist das alles nichts. Denn die Zukunft haben wir trotzdem nicht in der Hand. Glaubt ihr nicht, dann wird es nichts. Bei welcher Sache brauche ich gerade dieses Vertrauen, das die Zukunft aus Gottes Hand empfängt?

8.August  Jesaja 6, 6 – 11

Da flog einer der Serafim zu mir und in seiner Hand war eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Er berührte damit meinen Mund und sagte: Siehe, dies hat deine Lippen berührt, so ist deine Schuld gewichen und deine Sünde gesühnt. Da hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich sagte: Hier bin ich, sende mich! Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Verfette das Herz dieses Volkes, mach schwer seine Ohren, verkleb seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht, mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und es sich nicht bekehrt und sich so Heilung verschafft. Da sagte ich: Wie lange, Herr? Er sagte: Bis die Städte verödet sind und unbewohnt, die Häuser menschenleer, bis das Ackerland zur Wüste verödet ist.

Jesaja kann erst vor Gott stehen und ihn hören, wenn seine Schuld fortgenommen ist. Eine glühende Kohle berührt seine Lippen – denn er soll für Gott sprechen. Mit „unreinen Lippen“ kann niemand im Namen Gottes sprechen. Auf die Frage: „Wen soll ich senden?“ kann er nun antworten: "Hier bin ich!" Aber seine Botschaft ist nichts Gutes, was er zu sagen hat, wird nicht freudig aufgenommen werden. Er hat nur Unheil zu verkünden – die Konsequenz aus dem Tun der Leute. Als Prophet würde er sich nun schuldig machen, wenn er diese Botschaft verwässert und etwa sagt: „Ich sehe da Probleme kommen, aber so schlimm wird es nicht werden, wenn wir kräftig beten!“ Kenne ich diese Tendenz, notwendige Botschaften an Andere abzuschwächen? Aus Liebe zu schweigen? Es gibt Situationen, in denen es wichtig ist, die Wahrheit zu sagen. Etwa am Krankenbett oder wenn jemand auf einem Posten sichtbar am falschen Platz ist. . Aber habe ich den Mut dazu?


7.August   Jesaja 6, 1 – 5

 Im Todesjahr des Königs Usija, da sah ich den Herrn auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen und die Säume seines Gewandes füllten den Tempel aus. Serafim standen über ihm. Sechs Flügel hatte jeder: Mit zwei Flügeln bedeckte er sein Gesicht, mit zwei bedeckte er seine Füße und mit zwei flog er. Und einer rief dem anderen zu und sagte: Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen. Erfüllt ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit. Und es erbebten die Türzapfen in den Schwellen vor der Stimme des Rufenden und das Haus füllte sich mit Rauch. Da sagte ich: Weh mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann unreiner Lippen bin ich und mitten in einem Volk unreiner Lippen wohne ich, denn den König, den HERRN der Heerscharen, haben meine Augen gesehen.

Eine wirkliche Gottesbegegnung ist etwas Seltenes! Und sie überfällt den Menschen unerwartet. Trotzdem ist das, was Jesaja hier sieht, etwas für ihn Bekanntes: Eine Szene aus einem Thronsaal, so wie wir sie von antiken Reliefs aus Babylonien oder Ägypten kennen. Doch Gott ist hier so groß, dass der Saum seines Gewandes schon den ganzen Tempel ausfüllt. Die Serafim sind Wesen, die den Thron umfliegen. Anders als auf den bekannten Bildern haben sie hier sechs Flügel statt vier. Das dritte Flügelpaar haben sie, um „die Füße zu bedecken“, d.h. ihre Scham. Das ist ein Hinweis auf die Heiligkeit Gottes. vor der sie alles verhüllen müssen. Die Reaktion auf eine Gottesbegegnung ist nicht Begeisterung oder Freude, sondern Betroffenheit und Ohnmacht. Das ist ein Kriterium für Echtheit. Wo Gottesbegegnungen „vermittelt“ werden durch viel Musik und manipulierte Gefühle, begegnet der Mensch nur seinen eigenen Erwartungen. Sicherlich ist Jesaja jeden Tag in den Tempel gegangen – aber an diesem Tag wurde er überrascht. Welche alltägliche Gebets- oder Meditationspraxis habe ich, bei der Gott mir eines Tages überraschend begegnen kann? 

6.August  Jesaja 5, 24b - 27


Denn verworfen haben sie die Weisung des HERRN der Heerscharen und das Wort des Heiligen Israels verschmäht. Darum ist der Zorn des HERRN gegen sein Volk entbrannt; er hat seine Hand gegen es ausgestreckt und es geschlagen. Da erzitterten die Berge und ihre Leichen lagen wie Unrat inmitten der Gassen. Bei alldem hat sein Zorn sich nicht abgewandt und noch bleibt seine Hand ausgestreckt. Er stellt ein Feldzeichen auf für die Nationen in der Ferne, er pfeift sie herbei vom Ende der Erde und siehe, eilends, schnell kommen sie heran. Kein Müder und kein Strauchelnder ist darunter, keiner, der schlummert und schläft. Bei keinem löst sich der Gürtel von seinen Hüften, noch reißt der Riemen seiner Sandalen.

Können wir solche Worte irgendwie in unserem Gottesbild unterbringen? Wer ist Gott? Pfeift er wirklich das Unglück herbei, wenn wir nicht gehorchen? Der Zorn Gottes kann zugleich als Konsequenz des Handelns gesehen werden. Die Pandemie „Corona“ ist die Folge unserer Taten: Wahrscheinlich unsachgemäßer Umgang mit Wildtieren und eine Globalisierung, die alles ohne Bedenken miteinander in Verbindung bringt. Der Klimawandel mit seinen Katastrophen ist die Folge unseres ungebremsten Energieverbrauchs. Der Zorn Gottes äußert sich, indem er uns den Konsequenzen unserer Handlungen überlässt. So war es damals auch: Die Assyrer, die Land um Land eroberten, zerstörten 722 v.Chr. Samaria, die Hauptstadt des Nordreiches. Das war sein Untergang. Im Unterschied dazu wurde Jerusalem vom gleichen Feind zwar belagert, aber 701 v.Chr. auf wunderbare Weise gerettet. Die Bibel sieht das als Folge der Umkehr des Volkes. Von welchen Wegen muss unsere Gesellschaft umkehren?

5.August Jesaja 5, 8 – 13

Wehe denen, die Haus an Haus reihen und Feld an Feld fügen, bis kein Platz mehr da ist und ihr allein die Bewohner seid inmitten des Landes. In meinen Ohren schwur der HERR der Heerscharen: Wahrhaftig, viele Häuser werden veröden. So groß und schön sie auch sind: Sie werden unbewohnt sein. Ein Weinberg von zehn Joch bringt nur ein Eimer Wein, ein Sack Saatgut bringt nur ein Scheffel Korn. Wehe denen, die früh am Morgen dem Bier nachjagen und in der Dämmerung lange aushalten, wenn der Wein sie erhitzt. Da sind Leier und Harfe, Trommel und Flöte und Wein bei ihren Trinkgelagen, aber auf das Tun des HERRN blicken sie nicht und das Werk seiner Hände haben sie nicht gesehen. Darum geht mein Volk in die Verbannung wegen fehlender Erkenntnis. Seine Vornehmen sind Hungerleider und seine Menge verschmachtet vor Durst.

Werden die Reichen hier nicht zu sehr beschimpft? Sind Reiche schon deshalb schuldig, weil sie reich sind? Nein, natürlich nicht. Sie sind schuldig, weil sie sich hemmungslos im Land ausbreiten und andere verdrängen, „bis kein Platz mehr da ist“. Wo sollen die leben, die nicht die Mittel haben, teure Häuser zu kaufen oder Wohnungen zu bezahlen? Die Verkäuferin, die Putzfrau, der Paketbote samt Familie? Das ist Unrecht, auf das Gott reagieren wird, sagt Jesaja. Und Jesus konnte ähnlich reden: „Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern.“ (Lukas 6,24). Es geht nicht darum, zu verbieten, fröhliche Feste zu feiern – sondern um einen maßlosen Lebensstil, der die aus dem Blick verliert, die um ihre Existenz bangen und tagtäglich schuften müssen, um ihre Familien ernähren zu können. Bin ich in der Gefahr, nur noch mich und meine Luxusbedürfnisse zu sehen?



4.August  Jesaja 5, 1 - 7


Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahlgefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Wohlbehagen, siehe, da war Wehklagen.

Ein eindrückliches Bild, das sich noch verstärken lasst, wenn man an all die ehemaligen Weinberge denkt, die rund um Tübingen an den Hängen zugewuchert allmählich zerfallen. Wie viel Arbeit und Mühe der Menschen über Jahrhunderte, die tausende Steine geschleppt und Treppen und Terrassen gebaut haben! Israel wurde oft mit einem Weinberg verglichen, den Gott gepflanzt hat. Sein Herz hing an diesem Experiment. Gott ist ein geduldiger Gärtner. Er ist es auch bei mir – er gibt nicht gleich auf, wenn das Ergebnis nicht dem entspricht, was er erwartet. „Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.“, so wird er in Psalm 145,8 beschrieben. Und doch gibt es eine Grenze. Jesus sagt in Lukas 13, 6-9 im Gleichnis vom Feigenbaum das Gleiche: Da wird nochmals ein Versuch gestartet, dem Baum Früchte zu entlocken – aber dann, wenn alles nichts hilft, wird er umgehauen. Die Warnung des Propheten besagt: Das Leben eines Einzelnen oder eines ganzen Volkes kann scheitern, wenn das Recht nicht geachtet wird, wenn statt Barmherzigkeit Ausbeutung herrscht. Die Predigt von einem „lieben Gott“ kann darüber hinwegtäuschen, dass unser Verhalten nicht gleichgütig ist. „Irrt euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“ (Galater 6,7). Dabei geht es nicht um Schwachheiten und Versagen, sondern um Verhaltensweisen, bei denen in vollem Bewusstsein Andere geschädigt und verletzt werden. Wo habe ich das erlebt – oder worin bin ich selbst schuldig geworden?

3.August  Jesaja 3, 16 – 26

Der HERR sprach: Weil die Töchter Zions hochmütig sind, ihre Hälse recken und mit verführerischen Blicken daherkommen, immerzu trippelnd umherlaufen und mit ihren Fußspangen klirren, wird der Herr den Scheitel der Töchter Zions mit Schorf bedecken und der HERR wird ihre Schläfen kahl werden lassen. An jenem Tag wird der Herr den Schmuck wegnehmen: die Fußspangen, die kleinen Sonnen und Monde, die Ohrgehänge und Armkettchen, die Schleier und Turbane, die Fußkettchen und die Prachtgürtel, die Riechfläschchen und die Amulette, die Fingerringe und Nasenringe, die Festkleider und Umhänge, die Umschlagtücher und Täschchen und die Spiegel, die feinen Schleier, die Schals und Kopftücher. So wird es sein: Statt Balsam wird Moder sein, statt eines Gürtels ein Strick, statt kunstvoller Locken eine Glatze, statt eines Festkleides ein gegürteter Sack, Brandmal statt Schönheit. Deine Männer fallen durchs Schwert, deine jungen Krieger im Kampf. Dann werden ihre Tore klagen und trauern, vereinsamt sitzt sie am Boden.

Ist das ein frauenfeindlicher Text? Manche Frommen haben ihren Frauen aufgrund solcher Worte verboten, sich hübsch anzuziehen oder zu schminken! Das wäre ein völlig falsches Verständnis. Denn hier wird eine Einstellung angesprochen, die das Äußere zum Wichtigsten erklärt, die in der Ausstaffierung und der Verführung der Männer den Lebenssinn sieht. Wieviel Lebenszeit und Kraft wird in Shopping investiert? Wie viele junge Frauen und Männer folgen „InfluenzerInnen“, die ihnen vorleben, was gerade aktuell ist an Schminktechniken, Kleidung und Accessoires? Nein, das ist nicht verboten – aber stimmt das Verhältnis? Was ist wesentlich im Leben? Wer sein Leben auf solche Dinge ausrichtet, verliert den Blick auf die Fragen und Nöte anderer Menschen. Er ist im Karussell des „noch schöner, noch hipper, noch moderner“ gefangen. Das Gericht kommt, nicht weil sich Frauen schön machen, sondern weil sie die Nöte ihrer Zeit vergessen haben. Habe ich Zeit, mich um eine Not unserer Gesellschaft zu kümmern? 

 2.August   Jesaja 3, 1 – 10

Denn siehe, Gott, der HERR der Heerscharen, nimmt von Jerusalem und Juda jede Stütze und Stützung, jede Unterstützung mit Brot und jede Unterstützung mit Wasser: den Helden und Krieger, den Richter und den Propheten, den Wahrsager und den Ältesten, den Anführer von Fünfzig, den Angesehenen, den Ratgeber, den weisen Zauberer und den klugen Beschwörer. Ich mache junge Burschen zu ihren Anführern und Mutwillige sollen über sie herrschen. Dann bedrängt im Volk einer den andern und jeder seinen Nächsten. Die Jungen sind frech zu den Alten, die Geringen zu den Geehrten. Dann packt einer seinen Bruder im Haus seines Vaters: Du hast einen Mantel, sei unser Wortführer und dieser Trümmerhaufen sei unter deiner Gewalt! Der aber wird an jenem Tag seine Stimme erheben: Ich bin doch kein Wundarzt und in meinem Haus gibt es kein Brot und keinen Mantel. Macht mich nicht zum Wortführer des Volkes! Ja, Jerusalem ist gestürzt und Juda gefallen; denn ihre Worte und ihre Taten richteten sich gegen den HERRN, um den Augen seiner Herrlichkeit zu trotzen.

Hat der Zerfall einer Gesellschaft etwas mit Gott zu tun? Jesaja sieht das so: „Gott nimmt jede Stütze und Stützung“ Und weshalb? Weil sich ihre Worte und Taten gegen Gott gerichtet haben. Dabei geht es weniger um eine religiöse Ordnungen als um Recht und Gerechtigkeit. Da wo die Mächtigen die Armen ausbeuten, das Recht beugen und sich bereichern, gerät eine gute Ordnung ins Wanken. Wir erleben das in unserer Gesellschaft auf vielfältige Weise. Der Ton wird rauer, Beschimpfungen und Widerstand gegen staatliche Ordnungen nehmen zu. Auch wenn viele Menschen nicht mehr an Gott glauben, unsere grundlegende Ordnung hat ein christliches Fundament. Wenn wir es verlassen, wenn Ordnungen wie die 10 Gebote oder die Menschenrechte und die Würde jedes Einzelnen nicht mehr geachtet werden, werden wir eines Tages verzweifelt nach Menschen suchen, die diese Ordnung noch repräsentieren können – und keine finden. Wie dankbar sind wir – trotz aller auch notwendigen Kritik – für diese Ordnungen, für funktionierende Systeme und eine Regierung, die sich bemüht, das Recht zu wahren? Und was könnte unser Beitrag sein?

1. August  Jesaja 2, 6 – 11

Ja, du hast dein Volk, das Haus Jakob, verstoßen; denn sie wurden angefüllt - von Osten her! Und Wahrsager wie die Philister! Und an Kindern der Fremden hatten sie zur Genüge. Sein Land füllte sich mit Silber und Gold, kein Ende der Schätze. Sein Land füllte sich mit Pferden, kein Ende der Wagen. Sein Land füllte sich mit Götzen. Vor dem Werk ihrer Hände werfen sie sich nieder, vor dem, was ihre Finger gemacht hatten. Der Mensch beugte sich und der Mann sank hinunter - vergib ihnen nicht! Geh hinein in den Felsen, verbirg dich im Staub vor dem Schrecken des HERRN und vor der Pracht seiner Hoheit! Die hochmütigen Blicke der Menschen senkten sich und gebeugt wird sein der Stolz der Männer. Aber erhaben wird sein der HERR allein an jenem Tag.

Der Blick Jesajas geht zurück zu einer Zeit, als in Israel scheinbar alles gut war – die Leute wurden reicher, der Wohlstand wuchs, man leistete sich ausländische Sklaven und andere Religionen waren „modern“. Aber nun gerät alles ins Wanken und der Prophet sieht den „Tag des Herrn“ kommen – all das, was Menschen sich aufgebaut haben, worauf sie vertraut haben, sinkt in den Staub. „Hochmut kommt vor dem Fall“ (Sprüche 16,18). Sind wir auch zu stolz auf unsere Errungenschaften? Denken wir, wir werden mit all unserer Technik die Wende hin zu einer besseren Welt ohne Klimakatastrophen schaffen? Mit unseren Waffen eine Welt des Friedens schaffen?  Ein wenig mehr Demut und ein entsprechendes Verhalten wären nach Jesaja ratsam. Ohne Gott werden wir diese Welt nicht heilen können.

31.Juli Jesaja 2, 1 – 5

Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, über Juda und Jerusalem geschaut hat. Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen. Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des HERRN.

Ist es nicht merkwürdig, dass diese Worte – gesprochen vor 2700 Jahren – heute in Erfüllung gegangen sind? Vor 120 Jahren war Jerusalem ein unbedeutendes Nest, wenig bevölkert, außerhalb des Interesses der Weltpolitik. Heute ist diese Region im Fokus und die Lehren der Bibel weltweit verbreitet. Aber es gibt auch die andere Seite: Israel ist umkämpft, zerrissen und voller Ungerechtigkeit. Geht heute von Jerusalem Weisung Gottes aus? Wird Recht zwischen den Nationen gelehrt und praktiziert? Noch immer stehen sich waffenstarrende Systeme gegenüber. Die Vereinten Nationen haben sich die Worte Jesajas zum Wahlspruch gemacht, das Standbild des "Friedens-Schmiedes" steht vor dem UN-Gebäude in New York. Doch Frieden hat die UN trotz guter Bemühungen nicht gebracht. In unserem Text steht: „ER“ – Gott wird Recht schaffen und Völker zurechtweisen. Wir beten darum, dass das endlich geschieht. Und wir handeln heute im Kleinen als "Friedensschaffer" (Matth.5,9). Aber umfassenden Frieden schaffen, das ist zuerst Gottes Sache, der die Herzen verändern kann. 

 30.Juli Jesaja 1, 21 – 31

Ach, wie ist zur Hure geworden die treue Stadt. Die voll des Rechts war, in der Gerechtigkeit die Nacht verbrachte - und jetzt Mörder! Dein Silber wurde zu Schlacke, dein Wein ist mit Wasser gepanscht. Deine Fürsten sind Aufrührer und eine Bande von Dieben, ein jeder liebt Bestechung und jagt Geschenken nach. Dem Waisen verschaffen sie kein Recht und der Rechtsstreit der Witwe gelangt nicht vor sie. Darum - Spruch Gottes, des HERRN der Heerscharen, des Starken Israels: Wehe, ich werde mir Genugtuung verschaffen an meinen Gegnern, mich rächen an meinen Feinden. Ich will meine Hand gegen dich wenden, ich schmelze wie mit Lauge deine Schlacken aus und will all dein Blei entfernen. Ich will dir Richter geben wie am Anfang und Ratgeber wie zu Beginn. Danach wird man dich Stadt der Gerechtigkeit nennen, treue Stätte. Zion wird durch Recht erlöst und die zu ihr umkehren durch Gerechtigkeit. Doch Abtrünnige und Sünder brechen zusammen. Die den HERRN verlassen, sind am Ende. Denn sie werden zuschanden wegen der Eichen, die ihr begehrt habt, und ihr werdet beschämt wegen der Gärten, die ihr euch erwählt habt. Ja, ihr werdet wie eine Eiche, deren Blätter verwelken, und wie ein Garten, der kein Wasser hat. Dann wird der Starke zu Flachs und sein Tun zum zündenden Funken; beide verbrennen zusammen und keiner ist da, der löscht.

Jerusalem sollte die Stadt des Rechts sein. Doch nun lassen es sich Mörder in ihr gut gehen. Die Oberschicht lebt in Saus und Braus und die Armen kommen nicht zu ihrem Recht. Passt dieses Bild auch auf unsere Gesellschaft? Oder auf die heutige Welt als Ganzes? Leben wir auf Kosten ärmerer Länder, profitieren wir von Hungerlöhnen und unerträglichen Lebensverhältnissen derer, die unsere Kleidung und Lebensmittel herstellen? Wen kümmert das? Gott, sagt Jesaja, Gott kümmert es! Er wird nicht untätig bleiben, sondern dafür sorgen, dass die Gerechtigkeit siegt. Das Reich Gottes, das Jesus uns gebracht hat, ist ein Reich der Gerechtigkeit. Es gilt allen Menschen und darum gilt der Gerichtsspruch nicht nur für Israel, sondern allen Nationen und Völkern. Beten wir darum, dass die Gerechtigkeit Gottes sich in dieser Welt durchsetzt. Wie können wir uns dafür einsetzen, dass „Witwen und Waisen“ ihr Recht bekommen?

29.Juli Jesaja 1, 18 – 20

Kommt doch, wir wollen miteinander rechten, spricht der HERR. Sind eure Sünden wie Scharlach, weiß wie Schnee werden sie. Sind sie rot wie Purpur, wie Wolle werden sie. Wenn ihr willig seid und hört, werdet ihr das Beste des Landes essen. Wenn ihr euch aber weigert und auflehnt, werdet ihr vom Schwert gefressen. Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen.

Wer schon einmal seine Kleidung gefärbt hat, weiß: Die Farbe ist nicht mehr ganz herauszubringen, vor allem wenn es eine kräftige Farbe wie Purpur ist. Es ist unmöglich, die Folgen seiner schlimmen Taten loszuwerden! Sie wirken weiter im Leben anderer Menschen, die wir geschädigt, lieblos behandelt oder betrogen haben. Menschlich gesehen lässt sich das nicht mehr „auswaschen“. Doch Gott macht dem Volk ein Angebot: Wenn ihr willig seid und hört – dann wird es geschehen, dass ich die Folgen eurer Taten auslösche. Und zusätzlich wird euer Leben eines im Segen sein, ihr werdet von allem nicht nur genug, sondern Überfluss haben. Und wenn nicht? Dann habt ihr euch selbst das Urteil gesprochen. Gilt das auch noch heute? Ja, durchaus. Im viel zitierte Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ wird die grenzenlose Güte des Vaters richtig hervorgehoben – aber wenn der Sohn nicht umkehrt, kommt er bei den Schweinen um. Nicht alles geht in dieser Welt so einfach auf wie bei diesem Wort hier – viele politische Ereignisse und Katastrophen lassen sich nicht so einfach einordnen, aber grundsätzlich gilt: Vergebung und Segen folgen auf eine Umkehr

28.Juli Jesaja 1, 10 – 17


Hört das Wort des HERRN, ihr Wortführer von Sodom! Horcht auf die Weisung unseres Gottes, Volk von Gomorra! Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern?, spricht der HERR. Die Brandopfer von Widdern und das Fett von Mastkälbern habe ich satt und am Blut der Stiere, Lämmer und Böcke habe ich kein Gefallen. Wenn ihr kommt, um vor meinem Angesicht zu erscheinen - wer hat von euch verlangt, dass ihr meine Vorhöfe zertrampelt? Bringt mir nicht länger nutzlose Gaben, Räucheropfer, die mir ein Gräuel sind! Neumond und Sabbat, das Ausrufen von Festversammlungen, ich ertrage nicht Frevel und Feier. Eure Neumonde und Feste sind mir in der Seele verhasst, sie sind mir zur Last geworden, ich bin es müde, sie zu ertragen. Wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch. Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voller Blut. Wascht euch, reinigt euch! Schafft mir eure bösen Taten aus den Augen! Hört auf, Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! Sucht das Recht! Schreitet ein gegen den Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen!

Die Bewohner Jerusalems werden als „Sodom und Gomorra“ angesprochen. In harten Worten ruft der Prophet dazu auf, den Gegensatz festlicher Gottesdienste und Opferriten zu dem alltäglichen Verhalten des Volkes und seiner Oberen endlich wahrzunehmen. Das passt nicht zusammen! Ihr habt Blut an euren Händen und erhebt sie zum Gebet! All das, was er doch selbst in der Thora angeordnet hat, all diese heiligen Handlungen hasst Gott, wenn das Verhalten nicht dazu passt. Wir werden da an die Tempelaustreibung Jesu erinnert: Ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht! Es gilt bis heute: Unser Umgang mit Menschen muss zu unseren Worten und Gebeten im Gottesdienst passen. Wir können die Kirchen schließen, wenn wir uns nicht zugleich um „Witwen und Waisen“ kümmern und für soziale Gerechtigkeit eintreten. Christliches Leben ohne soziales Engagement ist Gott ein Gräuel! Wer zu den Unterdrückern schweigt, darf auch keine Choräle singen.

27.Juli Jesaja 1, 1 – 9


 Vision Jesajas, des Sohnes des Amoz, die er über Juda und Jerusalem geschaut hat, in den Tagen des Usija, des Jotam, des Ahas, des Hiskija, der Könige von Juda.
Hört, ihr Himmel, horch auf, Erde! Denn der HERR hat gesprochen: Ich habe Söhne großgezogen und emporgebracht, doch sie sind mir abtrünnig geworden. Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht. Wehe der sündigen Nation, dem schuldbeladenen Volk, der Brut von Übeltätern, den Söhnen, die Verderben bringen! Sie haben den HERRN verlassen, den Heiligen Israels verschmäht und ihm den Rücken zugekehrt. Wohin sollt ihr noch geschlagen werden? Ihr bleibt ja doch widerspenstig. Der ganze Kopf ist wund, das ganze Herz ist krank. Von der Fußsohle bis zum Kopf ist nichts heil an ihm, nur Beulen, Striemen und frische Wunden, sie sind nicht ausgedrückt, nicht verbunden, nicht mit Öl gelindert. Euer Land ist verwüstet, eure Städte sind feuerverbrannt. Fremde verzehren vor euren Augen den Ertrag eures Ackers; eine Verwüstung wie bei der Zerstörung durch Fremde. Die Tochter Zion ist übriggelassen wie eine Hütte im Weinberg, wie ein Schutzdach für die Nacht im Gurkenfeld, wie eine belagerte Stadt. Hätte der HERR der Heerscharen für uns nicht einige Entkommene übriggelassen, wir wären wie Sodom geworden, wir glichen Gomorra.

In den folgenden Tagen werden Texte aus Jesaja das Thema sein.
Vor mehr als 2700 Jahren tritt plötzlich dieser Prophet auf, der seinem Volk den Untergang vorhersagt. Diese Zeilen stammen aus einer Zeit, als das nördliche Teilreich schon untergegangen war, nur Judäa rund um Jerusalem hielt sich noch – ein Gebiet so groß wie der Schönbuch. Das politische Unglück führt er auf das Verhalten Israels zurück: Abfall von Gott, keine Erkenntnis, keine Einsicht, eine sündige Nation! Dabei geht es immer um zweierlei: Abkehr von Gott zu anderen Göttern und soziales Unrecht. Jesaja verbreitet hier keine Hoffnung auf Besserung, seine Aufgabe ist es, das Geschehen – Krieg, Niederlagen und Zerstörung – als Konsequenz des Handelns des Volkes und als Gericht Gottes zu erklären. Gilt das auch für unsere Zeit? Sind Katastrophen wie Überschwemmungen oder Seuchen wie Covid 19 Gericht Gottes? Oder zugleich Konsequenzen des eigenen Handelns? Letzteres gestehen wir leichter zu, dass das alles etwas mit Gott zu tun hat, geht uns schwerer über die Lippen. Aber ist diese Art Gericht nicht gleichbedeutend damit, dass Gott uns die Konsequenzen unserer Taten spüren lässt, sie also nicht verhindert?

26. Juli Lukas 19, 16 – 27

Nach seiner Rückkehr ließ er die Diener rufen, denen er das Geld anvertraut hatte; er wollte erfahren, welchen Gewinn sie damit erzielt hatten. Der erste erschien vor ihm und sagte: ›Herr, dein Pfund hat zehn weitere eingebracht.‹ – ›Sehr gut‹, erwiderte der Herr, ›du bist ein tüchtiger Diener. Weil du im Kleinsten treu gewesen bist, sollst du Verwalter von zehn Städten werden.‹ Der zweite kam und sagte: ›Herr, dein Pfund hat fünf weitere eingebracht.‹ Auch ihn lobte der Herr. ›Du sollst über fünf Städte bestimmen‹, sagte er. Doch der nächste, der kam, erklärte: ›Herr, hier hast du dein Pfund zurück. Ich habe es in einem Tuch aufbewahrt. Ich hatte nämlich Angst vor dir, weil du ein strenger Mann bist. Du forderst Gewinn, wo du nichts angelegt hast, und erntest, wo du nicht gesät hast.‹ Sein Herr entgegnete ihm: ›Mit deinen eigenen Worten sprichst du dir das Urteil, du böser Mensch! Du hast also gewusst, dass ich ein strenger Mann bin, dass ich Gewinn fordere, wo ich nichts angelegt habe, und ernte, wo ich nicht gesät habe. Warum hast du mein Geld da nicht wenigstens auf die Bank gebracht? Dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückfordern können.‹ Und er wandte sich zu den Umstehenden und sagte: ›Nehmt ihm das Pfund weg und gebt es dem, der die zehn Pfund hat!‹ – ›Aber Herr‹, wandten sie ein, ›er hat doch schon zehn!‹ – ›Ich sage euch‹, erwiderte er, ›jedem, der hat, wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. Und nun zu meinen Feinden, die nicht wollten, dass ich über sie herrsche: Holt sie her und bringt sie vor meinen Augen um!‹«

Da liest man einige merkwürdige Dinge! Einmal geht es um Lohn für treue Dienste – Jesus spricht öfters vom „Lohn im Himmel“. Der dritte Diener hat das Geld in seinem Nackentuch verborgen. Er hält seinen Herrn für einen strengen und ungerechten Mann. Damit spricht er sich selbst das Urteil. Da geht es also um die Frage, welches Bild von Gott ich habe: Mir geschieht, wie ich geglaubt habe, im positiven wie im negativen Sinne. Was geschieht mit dem Diener? Nun, er bekommt nichts, aber er stirbt auch nicht. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass eigenes Versagen nicht zum Untergang führt. In 1.Kor.3, 14-15 heißt es: „Wenn das, was jemand auf dem Fundament aufgebaut hat, die Feuerprobe besteht, wird Gott ihn belohnen. Wenn es jedoch verbrennt, wird er seinen Lohn verlieren. Er selbst wird zwar gerettet werden, aber nur wie einer, der im letzten Augenblick aus dem Feuer gerissen wird." Man kommt dann etwas angesengt im Himmel an. Der letzte Satz ist allerdings furchtbar. Wahrscheinlich steckt die historische Situation des Untergangs Jerusalems dahinter: Die, die nicht wollten, dass Rom über sie herrscht, sind in einem furchtbaren Massaker umgekommen. Der Verkündigung Jesu entspricht das nicht. Kann ich mit dem Gedanken des Lohnes etwas anfangen?

25.Juli Lukas 19, 11 – 15

Jesus fuhr mit einem Gleichnis fort. Weil er so nahe vor Jerusalem war, meinten seine Zuhörer nämlich, der Anbruch des Reiches Gottes stehe unmittelbar bevor. Er sagte: »Ein Mann aus vornehmer Familie reiste in ein fernes Land, um sich dort zum König über sein eigenes Land einsetzen zu lassen und dann zurückzukehren. Vor der Abreise rief er zehn seiner Diener zu sich und gab ihnen Geld, jedem ein Pfund. ›Arbeitet damit, bis ich wiederkomme!‹, sagte er. Doch die Bürger des Landes hassten ihn. Sie schickten eine Abordnung hinter ihm her und ließen erklären: ›Wir wollen nicht, dass dieser Mann König über uns wird.‹ Trotzdem wurde er zum König eingesetzt.

Das Gleichnis von dem anvertrauten Geld beginnt mit einer historischen Begebenheit. Herodes Archelaos, der Sohn des großen Herodes, war nach Rom gereist, um als König bestätigt zu werden. Später reisten tatsächlich vornehme Juden nach Rom und beklagten sich bei Augustus über ihn, so dass er nach Gallien verbannt wurde. Der Sinn dieser „Vorgeschichte“ des Gleichnisses liegt im ersten Satz: Weil Jerusalam so nahe ist, denken die Leute, jetzt bräche mit Jesus sofort das Reich Gottes an. Nein, wird ihnen gesagt, der König wird zuerst in ein „fernes Land“ reisen, um sich bestätigen zu lassen und dann als König zurückkehren. Wie lange das dauert, weiß niemand. Die Leute im Land aber hassen ihn, so wie sie Jesus hassen und umbringen werden. Aber er wird trotzdem König werden. Jesus muss in dieser Situation der Versuchung widerstehen, sich selbst zum Messias auszurufen und einen Aufstand anzuführen. Statt dessen spricht er von einer Zeit, in der seinen Jüngern Dinge anvertraut werden, mit denen sie arbeiten sollten. Es ist eine Zeit der Eigenverantwortung – aber mit der Hoffnung, dass der König zurückkehrt. Habe ich diese Hoffnung noch? 

24.Juli Lukas 19, 1 – 10

Jesus kam nach Jericho; sein Weg führte ihn mitten durch die Stadt. Zachäus, der oberste Zolleinnehmer, ein reicher Mann, wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber es gelang ihm nicht, weil er klein war und die vielen Leute ihm die Sicht versperrten. Da lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum; Jesus musste dort vorbeikommen, und Zachäus hoffte, ihn dann sehen zu können. Als Jesus an dem Baum vorüberkam, schaute er hinauf und rief: »Zachäus, komm schnell herunter! Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.« So schnell er konnte, stieg Zachäus vom Baum herab, und er nahm Jesus voller Freude bei sich auf. Die Leute waren alle empört, als sie das sahen. »Wie kann er sich nur von solch einem Sünder einladen lassen!«, sagten sie. Zachäus aber trat vor den Herrn und sagte zu ihm: »Herr, die Hälfte meines Besitzes will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand etwas erpresst habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.« Da sagte Jesus zu Zachäus: »Der heutige Tag hat diesem Haus Rettung gebracht. Denn«, fügte er hinzu, »dieser Mann ist doch auch ein Sohn Abrahams. Und der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.«

Was für ein Anblick! Der oberste Zolleinnehmer, der bekannte Kollaborateur und Besatzungsgewinnler, sitzt im Baum und schaut sich Jesus an. Das Urteil der Leute steht schon fest: Dieser Mann ist ein Schuft, ein Dieb und Verräter des Volkes. Jesus schaut in den Baum hinauf und sieht etwas ganz anderes: Einen Menschen getrieben von der Sehnsucht nach Heilung, nach Gemeinschaft und innerem Frieden. Warum sonst ist er auf diesen Baum geklettert? Die Selbst-Einladung Jesu trifft diese Sehnsucht und setzt in Zachäus etwas in Bewegung, das schon lange da war: Er findet seine Menschlichkeit wieder, er kann endlich tun, was gut und richtig ist. Er ist gerettet. Und die Leute? Sie werden nicht mehr erwähnt. Müssten sie sich nicht fragen, ob ihre Verurteilungen berechtigt waren? Das führt zu der Frage: Was sehe ich in den Menschen, die sich offensichtlich falsch verhalten? Sehe ich nur den Sünder, den Dieb, den raffgierigen Menschen? Oder gehe ich davon aus, dass „auch dieser ein Sohn Abrahams ist“? Soll heißen: Ein Kind Gottes mit denselben Sehnsüchten, Fragen und Zweifeln wie ich, verirrt und verstrickt, aber mit dem verborgene Verlangen, einen neuen, guten Weg zu finden? Wie sehe ich die Menschen?


23.Juli Lukas 18, 35 – 43

Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, saß dort ein Blinder am Straßenrand und bettelte. Er hörte, wie eine große Menschenmenge vorüberzog, und erkundigte sich, was das zu bedeuten habe. »Jesus von Nazaret kommt vorbei«, erklärte man ihm. Da rief er: »Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!« Die Leute, die vor Jesus hergingen, fuhren ihn an, er solle still sein. Doch er schrie nur umso lauter: »Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!« Jesus blieb stehen und ließ ihn zu sich holen. Als der Blinde vor ihm stand, fragte ihn Jesus: »Was möchtest du von mir?« – »Herr«, antwortete er, »ich möchte sehen können!« Da sagte Jesus zu ihm: »Du sollst sehen können! Dein Glaube hat dich gerettet.« Im selben Augenblick konnte der Mann sehen. Er folgte Jesus nach und lobte und pries Gott. Und auch die ganze Volksmenge, die seine Heilung miterlebt hatte, gab Gott die Ehre.

Was mag dieser Blinde von Jesus gehört haben? „Jesus, Sohn Davids!“ – so schreit er. Es ist ein Bekenntnis, denn der kommende Erlöser wird als neuer König der Nachfahre Davids sein. Schon in Jesaja 29 heißt es: „Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.“ Das, was hier geschieht, ist also ein Hinweis auf die Messianität Jesu – er ist der, der kommen soll, um Israel zu erlösen. Vielleicht erklärt sich so die Reaktion der Leute. Es war gefährlich, öffentlich als Messias aufzutreten, ja geradezu lebensgefährlich. Doch Jesus ist entschlossen, die Konfrontation in Jerusalem zu suchen. Die Heilung ist die öffentliche Bestätigung: Ja, das bin ich! Es gibt Momente, in denen muss die Wahrheit laut hinausgerufen werden – sei es in der Verkündigung von Heil oder von Unheil. Der Blinde lässt sich nicht davon abhalten. Lasse ich mich davon abhalten?

22.Juli Lukas 18, 31 - 34

Jesus nahm die Zwölf beiseite und sagte zu ihnen: »Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf. Dort wird sich alles erfüllen, was bei den Propheten über den Menschensohn steht. Er wird den Heiden übergeben werden, die Gott nicht kennen; er wird verspottet, misshandelt und angespuckt werden; man wird ihn auspeitschen und schließlich töten. Doch drei Tage danach wird er auferstehen.« Die Jünger begriffen von all dem nichts. Der Sinn dieser Worte war ihnen verborgen; sie verstanden nicht, was damit gemeint war.

Ist Jesus ein schlechter Lehrer? Die Jünger begreifen nicht, was er da redet. Der Grund dürfte ein anderer sein. Die Jünger hatten immer noch die damals gängige Messiasvorstellung im Kopf: Er wird Israel von seinen Feinden erlösen, die Römer vertreiben und das Reich Davids wieder errichten. Das ist etwas für Lehrer: Sie können sich noch so sehr bemühen, aber gegen die eingeprägten Vorstellungen in den Köpfen ihrer Schüler kommen sie nur schwer an. Ein Messias, der getötet wird, war außerhalb der Vorstellung der Jünger – ein völlig unmöglicher Gedanke. Das führt zu der Frage: Welche religiösen Vorstellungen muss ich über Bord werfen? Wohin will Gott heute mir dieser Welt? Das Reich Gottes breitet sich weit über die Grenzen der Kirchen und Konfessionen hinaus aus – setze ich ihm Grenzen in meiner Vorstellung? Verstehe ich, was Gottes Geist in dieser meiner Welt tut? Oder bleibe ich bei meiner kleinen Sicht? 

21.Juli Lukas 18, 24 – 30

Als Jesus ihn (den Reichen) so traurig sah, sagte er: »Wie schwer ist es doch für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.« Da fragten die Zuhörer: »Wer kann dann überhaupt gerettet werden?« Jesus antwortete: »Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist für Gott möglich.« Da sagte Petrus: »Du weißt, wir haben zurückgelassen, was wir besaßen, und sind dir nachgefolgt.« Jesus erwiderte, zu allen Jüngern gewandt: »Ich sage euch: Jeder, der um des Reiches Gottes willen Haus oder Frau, Geschwister, Eltern oder Kinder zurücklässt, bekommt jetzt, in dieser Zeit, alles vielfach wieder und in der kommenden Welt das ewige Leben.«

Warum ist es so schwer, Reichtum loszulassen? Weil darin eine Sicherheit losgelassen wird, auf die wir normalerweise setzen. Kann ich Gott bei den realen Dingen des Lebens wirklich vertrauen? Ohne „Netz und doppelten Boden“? Nein, das ist eine menschliche Unmöglichkeit. Aber für Gott ist es möglich. Das heißt: Es ist möglich, dass Gott mich so ergreift und verwandelt, dass es möglich wird, ein solches Vertrauen zu haben. Die Jünger haben das an sich selbst erlebt. Und manchmal fragen sie sich, was ihnen das gebracht hat außer einem wilden Leben auf der Straße. Da spricht Jesus eine Verheißung aus: Wer in das Reich Gottes investiert, erhält seinen Einsatz vielfältig wieder. Bei den Jüngern wird dies später Wirklichkeit, indem sie die Gemeinschaft der Gemeinde erleben – eine neue Familie, in die oft die alte auch noch integriert war. Das ist die Verheißung für die, die Altes verlassen: Eine neue, tiefe und reiche Gemeinschaft. Wie schwer fällt es mir, Dinge aufzugeben?

20.Juli Lukas 18, 19 – 23

Jesus sagt: „Du kennst doch die Gebote: ›Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht stehlen, du sollst keine falschen Aussagen machen, ehre deinen Vater und deine Mutter!‹« Der Mann erwiderte: »Alle diese Gebote habe ich von meiner Jugend an befolgt.« Da sagte Jesus zu ihm: »Eines fehlt dir noch: Verkaufe alles, was du hast, und verteile den Erlös an die Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Und dann komm und folge mir nach!« Der Mann wurde sehr traurig, als er das hörte, denn er hatte ein großes Vermögen.

Es geht weiter in der Geschichte von gestern: Es scheint keine Testfrage gewesen zu sein, die der Ratsherr da stellt. Es geht ihm wirklich darum, ob sein Einsatz für die Gebote denn ausreicht, um in den Himmel zu kommen. Jesus antwortet mit einer Aufzählung aus den 10 Geboten. Warum? Vermutlich weiß er, wie die Antwort ausfallen wird – und sie erfolgt ja auch prompt: „Das habe ich alles befolgt!“ Gebote sind nicht unwichtig, sie sind sozusagen die Basis der Gottesherrschaft und Jesus hat sie nicht aufgehoben. Nur gibt es darüber hinaus noch etwas Tieferes: Das innere Überzeugtsein von der kommenden Herrschaft Gottes, an der sich alles Verhalten und Tun misst. Und gerade der Besitz wird zu einem Prüfstein, wie tief die Überzeugung im Herzen sitzt. Das Abgeben des Besitzes steht nicht in den Geboten – doch der Ratsherr ist trotz all seiner Gebotsbefolgung innerlich daran gebunden. Ob er den Schritt in die Freiheit wagt? Und welchen Schritt in die Freiheit der Kinder Gottes muss ich wagen, um Jesus nachfolgen zu können?


19.Juli Lukas 18, 18


Ein angesehener Mann, ein Ratsherr, fragte Jesus: »Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« – »Warum nennst du mich gut?«, entgegnete Jesus. »Niemand ist gut, außer der eine Gott.

Niemand ist gut außer Gott! Was für eine Aussage! Warum lehnt Jesus ab, als „guter Meister“ bezeichnet zu werden? Es geht im Leben nicht um das Gutsein, sondern um die Beziehung zu Gott, der allein wirklich gut ist. Die, die gut sein wollen, werden so oft zu Gutmenschen, die nicht nur andere damit nerven, wie gut sie sind, sondern ihre eigenen dunklen Seiten verdrängen müssen. Die Botschaft lautet: Du musst nicht gut sein, um bei Gott zu sein! Seine Liebe ist stärker als das Böse in dir, wenn du bei ihm bleibst, wird sie das Böse überwinden und verwandeln. Wie anstrengend sind unsere Bemühungen zur „Selbstoptimierung“! Gott allein ist gut – alle anderen sind es nicht, sie sind bruchstückhaft, gut und schlecht zugleich. Wie gut, wenn ich meine dunklen Seiten nicht mehr übertünchen muss! Wo in meinem Leben könnte mir dieser Gedanke Erleichterung verschaffen?

18.Juli Lukas 18, 15 – 17

Es wurden auch kleine Kinder zu Jesus gebracht; er sollte sie segnen. Aber die Jünger sahen das nicht gern und wiesen sie barsch ab. Doch Jesus rief die Kinder zu sich und sagte: »Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn gerade für solche wie sie ist das Reich Gottes. Ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind annimmt, wird nicht hineinkommen.«

Oft hören wir diesen Text in der Liturgie für die Kindertaufe. Doch hier geht es um eine spezielle Eigenschaft von Kindern, nämlich das „Reich Gottes annehmen wie ein Kind“. Damit ist nicht die Passivität eines Säuglings gemeint, der ja nichts zum Empfang der Taufe beitragen kann. Sondern das vertrauende Sich-beschenken-lassen eines Kindes, das ein selbstverständliches Liebesverhältnis zu seinem Vater hat. Es sagt zu ihm Abba, Papa. Das Reich Gottes wie ein Kind annehmen heißt also nicht, passiv bleiben, sondern sich beschenken lassen, ohne etwas dafür geleistet zu haben. Es heißt, in dem Vertrauen auf den himmlischen Vater zu leben, der mich versorgen wird und der mir keine Schlange geben wird, wenn ich ihn um einen Fisch bitte. (Luk.11). Viele religiöse Menschen haben Angst vor Gott und sind sich dessen nicht bewusst, weil diese Angst tief in ihnen verborgen ist. Diese Angst treibt sie zu religiösen Leistungen. Das ist nicht die Art des Kindes, die Jesus hier anspricht. Wie steht es um mein Gottesverhältnis? Wie tief ist mein Vertrauen und wobei steuert mich die Angst vor Ablehnung und Verdammung?


17.Juli Lukas 18, 9 – 14

Jesus wandte sich nun an einige, die in falschem Selbstvertrauen meinten, in Gottes Augen gerecht zu sein, und die deshalb für die anderen nur Verachtung übrighatten. Er erzählte ihnen folgendes Beispiel: »Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stellte sich selbstbewusst hin und betete: ›Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie die übrigen Menschen – ich bin kein Räuber, kein Betrüger und kein Ehebrecher, und ich bin auch nicht wie jener Zolleinnehmer dort. Ich faste zwei Tage in der Woche und gebe den Zehnten von allen meinen Einkünften.‹ Der Zolleinnehmer dagegen blieb in weitem Abstand stehen und wagte nicht einmal, aufzublicken. Er schlug sich an die Brust und sagte: ›Gott, vergib mir sündigem Menschen meine Schuld!‹ Ich sage euch: Der Zolleinnehmer war in Gottes Augen gerechtfertigt, als er nach Hause ging, der Pharisäer jedoch nicht. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; aber wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.«

Es geht hier um Leute, die sich aufgrund ihrer Gesetzesbefolgung sicher sind, zu Gott zu gehören. Ihr Vertrauen auf ihre eigenen Handlungen und Werke verdrängt das Vertrauen auf Gott. Im Beispiel kann der Gegensatz nicht größer sein: Ein gerechter Pharisäer und ein offensichtlich sündiger Zöllner werden nebeneinandergestellt. Der Pharisäer betet, aber in Wirklichkeit führt er ein Selbstgespräch! So die korrekte Übersetzung: „Er betete zu sich selbst.“ Die erste Wirkung dieser selbstgerechten Grundhaltung ist also, dass dieses Gebet ein innerer Monolog bleibt. Die zweite Wirkung ist die Verachtung anderer, die offenbar falsche Wege gegangen sind. Denn das Befolgen des Gesetzes ist mühsam – zwei Tage fasten und alle Dinge, die man erwirbt, noch einmal nachverzinsen, also zehn Prozent von ihnen wieder abgeben, das sind Dinge, die den Alltag anstrengend machen. Wer nach solchen Geboten lebt, steht immer in der Gefahr, andere zu verachten, die nicht so leben. Diese Verachtung wird zu einer Motivation für die eigene mühsame Lebensweise.
Der Zöllner aber wagt es nicht, sich Gott zu nähern und ist ihm darin gerade nahe. In Psalm 51,19 heißt es: „Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängstigter Geist, ein geängstigtes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“ Er kann das Gesetz nicht halten, das von ihm fordert, allen Geschädigten seiner „Geschäfte“ ihr Geld samt 20% Zinsen zu erstatten – das Geld hat er nicht mehr. Er ist durch seine Grundhaltung gerechtfertigt, ihm wird vergeben, weil er zu seiner Schuld steht und weiß, dass er ganz auf Gottes Gnade angewiesen ist. Die am Ende angesprochene Demut, die „Selbsterniedrigung“ darf nicht falsch verstanden werden als „sich klein machen“, sondern als realistische Einschätzung meiner selbst vor Gott. Es ist der Mut, zu seinen Fehlern und Irrwegen zu stehen. Habe ich diesen Mut? 

16.Juli Lukas 18, 1 - 8

Jesus wollte seinen Jüngern zeigen, dass sie unablässig beten sollten, ohne sich entmutigen zu lassen. Deshalb erzählte er ihnen folgendes Gleichnis: »In einer Stadt lebte ein Richter, der nicht nach Gott fragte und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe. Sie kam immer wieder zu dem Richter und bat ihn: ›Verhilf mir in der Auseinandersetzung mit meinem Gegner zu meinem Recht!‹ Lange Zeit wollte der Richter nicht darauf eingehen, doch dann sagte er sich: ›Ich fürchte Gott zwar nicht, und was die Menschen denken, ist mir gleichgültig; aber diese Witwe wird mir so lästig, dass ich ihr zu ihrem Recht verhelfen will. Sonst bringt sie mich mit ihrem ständigen Kommen noch zur Verzweiflung.‹« Der Herr fuhr fort: »Habt ihr darauf geachtet, was dieser Richter sagt, dem es überhaupt nicht um Gerechtigkeit geht? Sollte da Gott nicht erst recht dafür sorgen, dass seine Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm rufen, zu ihrem Recht kommen? Und wird er sie etwa warten lassen? Ich sage euch: Er wird dafür sorgen, dass sie schnell zu ihrem Recht kommen. Aber wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde solch einen Glauben finden?«

Sind Gebete wirksam? Schaffen sie mehr Gerechtigkeit in der Welt? Wir stehen oft in diesem Zwiespalt, wir beten und nichts passiert. Warum müssen denn Gottes Auserwählte „Tag und Nacht zu ihm rufen“? Diese ganze Passage steht quer zu unserer Erfahrung! Ein Hinweis am Ende ist wichtig: „Solch einen Glauben“ – Es ist eine Frage des Vertrauens, ob ein Gebet wirksam ist. Ist mein Gebet von der Überzeugung getragen, dass etwas Gutes geschehen wird? Die Bewegung des „positiven Denkens“ hat hier einen wahren Punkt: Wenn mein Gebet nur in einem jammernden „Ach Gott hilf doch“ besteht, wird es nichts bewirken, denn es bleibt im Negativen verhaftet. Wenn sich aber im Beten die innere Gewissheit einstellt, dass Gott das tun wird, was ich erbitte, und mehr noch, ich mir das Ergebnis dessen vorstellen kann, wird mein Gebet wirksam sein. Blaise Pascal hat gesagt, Gott habe uns im Gebet die Würde verliehen, für etwas Ursache zu sein, also schöpferisch tätig zu sein. Oder, wie früher die Frommen formuliert haben, „den Arm Gottes zu bewegen.“ Klar, so vertrauend beten zu können, ist ein Geschenk – aber auch Geschenke muss man auspacken. In welcher Grundstimmung bete ich – jammernd oder vertrauend?

15.Juli Lukas 17, 26 – 37


In den Tagen, in denen der Menschensohn kommt, wird es sein wie in den Tagen Noahs. Die Menschen aßen und tranken, sie heirateten und wurden verheiratet – bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging; dann brach die Flut herein, und sie kamen alle um. Es wird auch sein wie in den Tagen Lots. Die Menschen aßen und tranken, sie kauften und verkauften, sie pflanzten und bauten – doch an dem Tag, als Lot Sodom verließ, regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel, und sie kamen alle um. Genauso wird es an dem Tag sein, an dem der Menschensohn wiederkommt. Wer sich an jenem Tag gerade auf dem Dach seines Hauses aufhält und seine Sachen unten im Haus liegen hat, soll nicht erst noch hinuntersteigen, um sie zu holen. Das Gleiche gilt für den, der auf dem Feld ist: Er soll nicht mehr nach Hause zurücklaufen. Denkt an Lots Frau! Wer sein Leben zu erhalten sucht, wird es verlieren; wer es aber verliert, wird es bewahren. Ich sage euch: Von zwei Menschen, die in jener Nacht in einem Bett liegen, wird der eine angenommen und der andere zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die zusammen Getreide mahlen, wird die eine angenommen und die andere zurückgelassen.« Die Jünger fragten Jesus: »Wo wird das geschehen, Herr?« Er antwortete: »Wo Aas liegt, da sammeln sich die Geier.«

Ach, was hatte ich als Kind für Ängste wegen dieses Wortes! Ganz klar, ich würde zurückbleiben wegen meiner kleinen Sünden, wenn all die Anderen entrückt würden! Ich kann es mir heute nur so erklären, dass Jesus angesichts bitteren Unrechts dieses drohende Wort ausspricht. Und der Schwerpunkt liegt im ersten Teil des Textes auf der Plötzlichkeit des Geschehens. Das können wir heute gut nachvollziehen: Wie heiter und sorgenfrei erschien uns das Leben manchem vor drei Jahren und wie schnell hat sich das geändert. Im Kern geht es um diese Aussage: „Wer sein Leben zu erhalten sucht, wird es verlieren; wer es aber verliert, wird es bewahren.“ Die, die ihr Leben ausgeteilt haben, die nichts festgehalten haben und Liebe gelebt haben, sind die Angenommenen. Die, die nur für ihren Besitz gelebt haben, die aßen und tranken, kauften und verkauften, also in das ganz normale materielle Leben verstrickt waren, werden mit der materiellen Welt umkommen. Denn am Ende steht eine Verwandlung, eine Transformation dieses Welt in die zukünftige Welt Gottes. Das übersteigt all unsere Vorstellungen. Darum stellen diese Worte die Frage: Lebe ich heute schon für diese zukünftige Welt? Und was zählt in der Bilanz meines Lebens am Ende wirklich? 

14. Juli Lukas 17, 20 - 25

Die Pharisäer fragten Jesus, wann das Reich Gottes komme. Darauf antwortete er: »Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Anzeichen erkennen kann. Man wird auch nicht sagen können: ›Seht, hier ist es!‹ oder: ›Es ist dort!‹ Nein, das Reich Gottes ist mitten unter euch.« Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Es wird eine Zeit kommen, da werdet ihr euch danach sehnen, auch nur einen Tag der Herrschaft des Menschensohnes zu erleben, aber euer Sehnen wird vergeblich sein. Wenn man zu euch sagt: ›Seht, dort ist er!‹ oder: ›Seht, er ist hier!‹, dann geht nicht hin; lauft denen, die hingehen, nicht nach. Denn wie der Blitz aufleuchtet und den Himmel von einem Ende zum anderen erhellt, so wird es an dem Tag sein, an dem der Menschensohn kommt. Vorher muss er jedoch vieles erleiden und wird von der jetzigen Generation verworfen werden.«

Mitten unter euch! Oder doch, wie andere übersetzen: In euch? Wahrscheinlich gilt beides: Jesus, der in dieser Diskussionsrunde steht, ist die Personifizierung des Reiches Gottes, mit ihm ist es schon da. Aber für die Gesprächspartner gilt: Es ist in ihnen, wenn sie es nur sehen und begreifen könnten. Denn die Herrschaft Gottes ist zuerst eine innere Sache, die das Herz ergreift und den Menschen von innen nach außen ändert. Aber es ist keine nur innere Angelegenheit, es wird sichtbar kommen, indem Jesus, der Menschensohn wiederkommt. Bis dahin wird das Reich Gottes wachsen, wie eine Saat wächst. Aber es wird nicht leicht erkennbar sein. Was kann der Grundgedanke „das Reich Gottes ist in meinem Inneren“ an meiner Einstellung zu anderen Menschen und zu dieser Gesellschaft ändern? Welches Verhalten ist dem angemessen – und welches nicht? Gibt dieses innere Reich Gottes mir die Kraft, meine Welt zu verändern? Wie könnte das heute konkret aussehen? 

13. Juli Lukas 17, 11 - 19


Auf seinem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Kurz vor einem Dorf kamen ihm zehn Aussätzige entgegen; sie blieben in einigem Abstand stehen und riefen laut: »Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!« Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: »Geht und zeigt euch den Priestern!« Auf dem Weg dorthin wurden sie gesund. Einer von ihnen kam zurück, als er sah, dass er geheilt war. Er pries Gott mit lauter Stimme, warf sich vor Jesu Füßen nieder und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samaritaner. Jesus aber sagte: »Sind denn nicht alle zehn gesund geworden? Wo sind die anderen neun? Ist es keinem außer diesem Fremden in den Sinn gekommen, zurückzukehren und Gott die Ehre zu geben?« Dann sagte er zu dem Mann: »Steh auf, du kannst gehen! Dein Glaube hat dich gerettet.«

Jesus hat sich auf den Weg nach Jerusalem gemacht. Irgendwo im Grenzgebiet zu Samarien sind ihm die 10 Aussätzigen begegnet. Indem Jesus sie zu den Priestern schickt, mutet er ihnen eine Glaubensprobe zu: Sie sind ja noch nicht geheilt, als sie sich auf den Weg machen. Das Wunder geschieht unterwegs. Als sie das merken, kommt nur der eine, der Samariter, zurück und bedankt sich. Ausgerechnet der Ausländer. Was haben sich die anderen gedacht? Dass der Messias die Pflicht hat, zu heilen? Dass alles Zufall ist? Wir wissen es nicht. Aber dem einen wird gesagt: „Dein Glaube hat dich gerettet“. Das ist in einem umfassenderen Sinne zu verstehen. Die neun sind zwar geheilt, aber ihr Inneres hat sich nicht verändert. Nur der Ausländer, der Gesetzlose – von den Juden her betrachtet – hat diese tiefere Heilung erfahren. Wer Gottes Kind ist und wer nicht, lässt sich nicht an menschengemachten Grenzen festmachen – auch nicht an Religionsgrenzen! Heute könnte Jesus zu einem Muslim sagen: "Dein Glaube hat dich gerettet!" Würde mich das ärgern? 


12. Juli Lukas 17, 7 – 10


Angenommen, einer von euch hat einen Knecht, der ihm den Acker bestellt oder das Vieh hütet. Wenn dieser Knecht vom Feld heimkommt, wird dann sein Herr etwa als Erstes zu ihm sagen: ›Komm und setz dich zu Tisch!‹? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: ›Mach mir das Abendessen, binde dir einen Schurz um und bediene mich! Wenn ich mit Essen und Trinken fertig bin, kannst auch du essen und trinken.‹? Und bedankt er sich hinterher bei dem Knecht dafür, dass dieser getan hat, was ihm aufgetragen war? Wenn ihr also alles getan habt, was euch aufgetragen war, dann sollt auch ihr sagen: ›Wir sind Diener, weiter nichts; wir haben nur unsere Pflicht getan.‹«

Puh, ist das ein Text! Das riecht nach deutschem Pflichtgefühl! Aber Moment, worum geht es? Der Text richtet sich gegen den Lohngedanken – der war zur Zeit Jesu bei seinen Gegnern sehr populär: Je mehr du für Gott tust, desto mehr wirst du belohnt. Wer viele gute Werke tut, der wird gesegnet und bekommt ein gutes Leben und viele Güter. Jesus zerreißt diesen Zusammenhang mit seinen Worten. Nein, es ist selbstverständlich, dass ihr Gutes tut und den Auftrag, den euch die Liebe aufgibt, erfüllt. Ihr braucht euch nichts darauf einzubilden. Ist es nicht euer Vater im Himmel, der euch die Kraft dazu gibt? Der Text kann missbraucht werden, um Menschen in ein Abhängigkeitsverhältnis zu anderen zu bringen. Aber da ist zu bedenken, dass er ja für alle gilt: Wir dienen einander, jeder mit dem, was er oder sie kann. Bilde ich mir auf meinen besonderen Dienst etwas ein?


11 Juli Lukas 17, 5 – 6

Die Apostel baten den Herrn: »Gib uns doch mehr Glauben!« Der Herr antwortete: »Selbst wenn euer Glaube nur so groß wäre wie ein Senfkorn, könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum hier sagen: ›Heb dich samt deinen Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer!‹, und er würde euch gehorchen.«

Der schwarze Maulbeerbaum, die Sykamine, hat besonders starke und tiefe Wurzeln. Sie auszureißen, kostet große Mühe. Aber es braucht nur ein winziges bisschen Glauben, um das zu bewerkstelligen. Das Senfkorn ist eines der kleinsten Samen. Dieses Bild soll deutlich machen: Da, wo es einem vertrauenden Menschen gelingt, die Kraft Gottes anzuzapfen, ist alles möglich, auch wenn er selbst sich schwach fühlt. Alles kommt auf das Vertrauen an. Welche Probleme und Schwierigkeiten türmen sich gerade vor mir? Wo scheint etwas unmöglich zu sein? Sprich mit dem Problem! Befehle ihm, im Namen Jesu zu verschwinden! Denn das ist ja hier die Aufforderung: Nicht, Gott zu bitten (ach, Herr, mach du doch…) sondern dem Baum zu befehlen. Er wird euch gehorchen! Wir sind viel zu zaghaft, was das Bitten angeht. Vertrauen heißt hier, auf die Kraft Gottes zu vertrauen, die uns gegeben ist.

10.Juli Lukas 17, 1 – 4

Jesus sagte zu seinen Jüngern: »Es ist unvermeidlich, dass Dinge geschehen, durch die Menschen zu Fall kommen. Doch wehe dem, der daran schuld ist! Es wäre besser für ihn, man würde ihm einen Mühlstein um den Hals legen und ihn damit ins Meer werfen, als dass von solchen gering Geachteten wie diesen hier auch nur einer durch ihn zu Fall kommt. Seht euch also vor!« »Wenn dein Bruder sündigt, weise ihn zurecht, und wenn er sein Unrecht einsieht, vergib ihm. Selbst wenn er siebenmal am Tag gegen dich sündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: ›Ich will es nicht mehr tun‹, sollst du ihm vergeben.«

Nun richtet sich der Blick wieder auf die Gemeinde der Jünger. Dass jemand in der Gemeinde an anderen schuldig wird, ist unvermeidlich – doch wenn dadurch andere den Glauben verlieren oder nun selbst Unrecht tun, so ist das furchtbar. Darum sind die Missbrauchsfälle in Kirchen nicht nur juristisch zu verurteilen. Sie sind bitteres Unrecht an wehrlosen Menschen, die dadurch oft ihren Glauben, ihr Vertrauen ins Leben verlieren – ganz zu schweigen von den vielen anderen, die an ihrer Kirche irre werden. Das muss im Blick bleiben, wenn man danach die Verse über das Vergeben liest. Oft ist in den Kirchen zu schnell gesagt worden: aber Christen müssen doch einander vergeben! Umkehr und Vergebung dürfen die Aufarbeitung nicht hindern. Aber dabei gilt: Vergebung ist prinzipiell grenzenlos! Gibt es jemanden, dem ich vergeben sollte? Wenn mir das schwer fällt: Jesus hat es getan, als er am Kreuz angesichts seiner Peiniger sagte: „Vater, vergib ihnen!“

9.Juli Lukas 16 19 – 31

»Es war einst ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und feinstes Leinen und lebte Tag für Tag herrlich und in Freuden. Vor dem Tor seines Hauses lag ein Armer; er hieß Lazarus. Sein ganzer Körper war mit Geschwüren bedeckt. Er wäre froh gewesen, wenn er seinen Hunger mit dem hätte stillen können, was vom Tisch des Reichen fiel; aber nur die Hunde kamen und leckten an seinen Wunden. Schließlich starb der Arme. Er wurde von den Engeln zu Abraham getragen und durfte sich an dessen Seite setzen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. Im Totenreich litt er große Qualen. Als er aufblickte, sah er in weiter Ferne Abraham und an dessen Seite Lazarus. ›Vater Abraham‹, rief er, ›hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus hierher! Lass ihn seine Fingerspitze ins Wasser tauchen und damit meine Zunge kühlen; ich leide furchtbar in dieser Flammenglut.‹ Abraham erwiderte: ›Mein Sohn, denk daran, dass du zu deinen Lebzeitendeinen Anteil an Gutem bekommen hast und dass andererseits Lazarus nur Schlechtes empfing. Jetzt wird er dafür hier getröstet, und du hast zu leiden. Außerdem liegt zwischen uns und euch ein tiefer Abgrund, sodass von hier niemand zu euch hinüberkommen kann, selbst wenn er es wollte; und auch von euch dort drüben kann niemand zu uns gelangen.‹ – ›Dann, Vater‹, sagte der Reiche, ›schick Lazarus doch bitte zur Familie meines Vaters! Ich habe nämlich noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen.‹ Abraham entgegnete: ›Sie haben Mose und die Propheten; auf die sollen sie hören.‹ – ›Nein, Vater Abraham‹, wandte der Reiche ein, ›es müsste einer von den Toten zu ihnen kommen; dann würden sie umkehren.‹ Darauf sagte Abraham zu ihm: ›Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.‹«

Diese damals weit verbreitete Geschichte will ein Problem lösen, das wohl anders nicht zu lösen ist: Wieso geht es den Reichen, die Unrecht tun, gut, während die „Lazarusse dieser Welt“ in bitterer Armut sterben? Das ist nicht gerecht! Doch, sagt die Geschichte, denn im Jenseits wird es umgekehrt sein – und zwar für immer. Lazarus (= Gott hilft!) bekommt den Ehrenplatz an der Seite Abrahams, der nach rabbinischer Ansicht den Gerechten zusteht (also ihnen!) Luk 6, 20 hieß es ja schon: „Selig ihr Armen, euch gehört Gottes Reich!“ Der Reiche, der den Durst nach Gott nicht kannte, lernt nun heftigen Durst kennen. Genauso, wie der Arme das Festmahl des Reichen sehen konnte, blickt dieser nun vom Hades in den Himmel und sieht, wie gut es dem Armen da geht. Lukas verwendet die bekannte Geschichte, um deutlich zu machen: Alles, was wir über das rechte Verhalten wissen müssen, ist uns schon gegeben – es steht in der Thora und bei den Propheten. Selbst das Wunder der Totenauferstehung wird Reiche nicht dazu bringen, ihren Lebenswandel zu ändern und die Armen vor ihrer Türe zu sehen. Von daher ergeben sich Fragen an uns: Wie gehen wir mit Reichtum und Überfluss um? Haben wir einen Blick für Menschen in Not? Wer würde uns da einfallen?


8.Juli Lukas 16, 14 – 18

Das alles hörten auch die Pharisäer, die am Geld hingen, und sie redeten verächtlich über Jesus. Da sagte er zu ihnen: »Vor den Menschen erweckt ihr den Eindruck, ein gottgefälliges Leben zu führen; aber Gott kennt euer Herz. Was in den Augen der Menschen groß ist, das ist Gott ein Gräuel. Die Tora und die Propheten reichen bis Johannes: von da an wird die Gute Nachricht – die Königsherrschaft Gottes – gebracht und jeder drängt sich mit Gewalt in sie hinein. Doch eher vergehen Himmel und Erde, als dass auch nur ein einziges Strichlein vom Gesetz hinfällig wird. Jeder, der sich von seiner Frau scheidet und eine andere heiratet, begeht Ehebruch. Und wer eine geschiedene Frau heiratet, begeht ebenfalls Ehebruch.«

Es ist eine scheinbar merkwürdige Zusammenstellung einzelner Jesusworte, die Lukas uns hier bietet. Zuerst wird das Thema Geld zu Ende geführt: Die Pharisäer werden verurteilt: „Gott kennt euer Herz!“ Das ist wie ein Leitmotiv für das Folgende: Nicht die äußere Frömmigkeit zählt, sondern die innerste Motivation. Die Zeit der äußeren Gesetzesbefolgung geht zu Ende – nun kommt es auf das Herz an. Das Gesetz wird nicht abgeschafft, sondern in seinem innersten Sinn erfasst und erfüllt. Als Beispiel fügt Lukas den Vers über Ehebruch an. Das ist nicht unproblematisch, denn dies klingt ja gerade wieder nach äußerer Befolgung eines Gesetzes. Aber hier geht es Lukas darum, deutlich zu machen, dass die Praxis der Zeit, der so einfache „Scheidebrief“, eben nicht dem Gesetz entspricht. Jesus konnte sich im Namen der Liebe über solche Gesetze hinwegsetzen. Im Reich Gottes geht es um eine höhere Verantwortung gegenüber dem Gesetz – wann ist es zu befolgen und wann nicht? Was entspricht dem Leben und der Liebe? Das Gesetz gilt – wenn es seinen Zweck erfüllt, dem Leben zu dienen.
Menschen, die das begreifen, drängen mit Gewalt hinein – weil sie entdecken, dass hier das Leben ist, das sie schon lange gesucht haben. 

7.Juli Lukas 16, 9 - 13

Darum sage ich euch: Macht euch Freunde mit dem Mammon, an dem so viel Unrecht haftet, damit ihr, wenn es keinen Mammon mehr gibt, in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet. Wer in den kleinsten Dingen treu ist, ist auch in den großen treu, und wer in den kleinsten Dingen nicht treu ist, ist auch in den großen nicht treu. Wenn ihr also im Umgang mit dem unrechten Mammon nicht treu seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Wenn ihr das nicht treu verwaltet, was euch doch gar nicht gehört, wer wird euch dann euer wahres Eigentum geben? Ein Diener kann nicht für zwei Herren arbeiten. Er wird dem einen ergeben sein und den anderen abweisen. Für den einen wird er sich ganz einsetzen, und den anderen wird er verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon.«

Diene ich dem Mammon? Das Wort meinte ursprünglich einfach Wohlstand oder Vermögen, zumeist ungerecht erworben. Bald gewann es dämonische Züge und wurde zur Person – wohl aus der Erfahrung heraus, wie beherrschend die Gier nach Geld und Reichtum werden kann. An ihm haftet oft Unrecht, sagt Jesus. Und das ist bis heute so. Wer denkt darüber nach, wer die horrenden Zinsen eines Immobilienfonds erwirtschaftet? Oder ob einfache Leute die Mieten bezahlen können, die verlangt werden? Wie sieht ein evangeliumsgemäßer Umgang mit Geld aus? Denn gerade hier zeigt sich, ob das Vertrauen in Gott im Alltag Bedeutung hat oder nicht. Theoretisch glauben ist eine leichte Sache – Abgeben von Geld schon schwieriger. Beide - Geld und Gott -haben einen Totalanspruch auf unser Leben. Meistens versuchen wir, beides miteinander zu vereinbaren. Warum geht das nicht? Weil die gedankliche Beschäftigung mit Geld und seiner Vermehrung in mir immer mehr Raum einnimmt. Ich kann das Geld nicht abschaffen – aber ich kann großzügig werden und vor allem: mich der Beschäftigung mit Aktienkäufen oder Bitcoin-Spekulationen verweigern.

6.Juli Lukas 16, 1 – 8


Jesus wandte sich zu seinen Jüngern und sagte: »Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Über diesen gingen Klagen bei ihm ein; es hieß, er veruntreue ihm sein Vermögen. Da ließ er den Verwalter rufen. ›Was muss ich von dir hören?‹, sagte er zu ihm. ›Leg die Abrechnung über deine Tätigkeit vor; du kannst nicht länger mein Verwalter sein.‹ Der Mann überlegte hin und her: ›Was soll ich nur tun? Mein Herr wird mich entlassen. Für schwere Arbeit tauge ich nicht, und ich schäme mich zu betteln. Doch jetzt weiß ich, was ich tun kann, damit die Leute mich in ihren Häusern aufnehmen, wenn ich meine Stelle als Verwalter verloren habe.‹ Nacheinander rief er alle zu sich, die bei seinem Herrn Schulden hatten. ›Wie viel bist du meinem Herrn schuldig‹, fragte er den ersten. ›Hundert Fass Olivenöl‹, antwortete der. Darauf sagte der Verwalter: ›Hier, nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin, und schreib stattdessen fünfzig.‹ Dann fragte er den nächsten: ›Und du, wie viel bist du ihm schuldig?‹ – ›Hundert Sack Weizen‹, lautete die Antwort. Der Verwalter sagte zu ihm: »Hier, nimm deinen Schuldschein, und schreib stattdessen achtzig.‹ Da lobte der Herr den ungetreuen Verwalter dafür, dass er so klug gehandelt hatte. In der Tat, die Menschen dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Menschen des Lichts.«

Warum stellt uns Jesus einen ungerechten Verwalter als Vorbild dar? Manche sagen, er sei, als er unter Druck geriet, aus dem Unrechtssystem der Verwaltung ausgestiegen und habe die ungerechten Forderungen seines reichen Chefs vermindert. Das kann man so verstehen. Dann wäre das kluge Handeln, das Jesus lobt, der Ausstieg aus ungerechten Systemen. Aber zugleich gilt: Der Verwalter sorgt klug für seine Zukunft, indem er sich Freunde macht, die ihn später aufnehmen werden. So gesehen wäre der Punkt, auf den Jesus hinweist, die kluge Vorsorge für die Zukunft. Wenn die, die nicht an Gottes Welt glauben, schon so klug sind, wie viel mehr sollten die Anhänger Jesu heute schon für ihr zukünftiges Leben bei Gott sorgen? Zusammengenommen heißt das: Du kannst, indem du aus dem Unrecht aussteigst, das die Umwelt treibt, heute schon für deine Zukunft vorsorgen. An welchen Unrechtssystemen bin ich beteiligt? Wo kann ich mit meinem Geld Gutes tun und Menschen helfen?

5.Juli 2021 Lukas 15, 25 - 32

Der ältere Sohn war auf dem Feld gewesen. Als er jetzt zurückkam, hörte er schon von weitem den Lärm von Musik und Tanz. Er rief einen Knecht und erkundigte sich, was das zu bedeuten habe. ›Dein Bruder ist zurückgekommen‹, lautete die Antwort, ›und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn wohlbehalten wiederhat.‹ Der ältere Bruder wurde zornig und wollte nicht ins Haus hineingehen. Da kam sein Vater heraus und redete ihm gut zu. Aber er hielt seinem Vater vor: ›So viele Jahre diene ich dir jetzt schon und habe mich nie deinen Anordnungen widersetzt. Und doch hast du mir nie auch nur einen Ziegenbock gegeben, sodass ich mit meinen Freunden hätte feiern können! Und nun kommt dieser Mensch da zurück, dein Sohn, der dein Vermögen mit Huren durchgebracht hat, und du lässt das Mastkalb für ihn schlachten!‹ – ›Kind‹, sagte der Vater zu ihm, ›du bist immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen; denn dieser hier, dein Bruder, war tot, und nun lebt er wieder; er war verloren, und nun ist er wiedergefunden.‹«

Der ältere Sohn ist letztlich schlimmer dran als der Jüngere. Für ihn scheint es keine Umkehr zu geben. Er ist ein Bild für all die religiöse Menschen, die ihren Dienst als Voraussetzung für die Liebe und Zuwendung ihres Gottes sehen. Sie müssen Opfer bringen, um Gott zu versöhnen – und das größte Opfer ist ihnen das eigene Leben, das freiwillige Sklavendasein. Darum ist der ältere Sohn auf dem Feld, mitten im Dienst – ältere Söhne und Töchter sind immer im Dienst. Tanz und Gesang sind ihnen suspekt – so geht der Sohn gar nicht in die Nähe solcher sinnlosen Tätigkeiten. Er wird sofortzornig, als er erfährt, dass der, der den Dienst verweigert hat, jetzt gefeiert wird. Sehr verräterisch ist der Satz: „Ich habe mich nie deinen Anordnungen widersetzt!“ Ja, das hätte er gerne getan – aber sich nie getraut. Irgendetwas Furchtbares wäre dann über ihn hereingebrochen. Darum ist es für ihn so unerhört, dass dem Jüngeren die Sohnschaft wiedergegeben wird. Er selbst hat nie erfasst, dass ihm doch alles gehört, was der Vater hat, denn er meinte ja, es sich verdienen zu müssen.
Entdecke ich Züge dieses Sohnes in mir? Muss ich mir die Liebe des Vaters durch Engagement oder durch „Bravsein“ verdienen? Dann habe ich die Liebe des Vaters noch nicht begriffen – oder bin von ihr nicht wirklich ergriffen. Denn du bist der geliebte Sohn, die geliebte Tochter deines Gottes!



4.Juli Lukas 15, 20 - 24

So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Dieser sah ihn schon von weitem kommen; voller Mitleid lief er ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. ›Vater‹, sagte der Sohn zu ihm, ›ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹ Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Schnell, holt das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm ein Paar Sandalen! Holt das Mastkalb und schlachtet es; wir wollen ein Fest feiern und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot, und nun lebt er wieder; er war verloren, und nun ist er wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern.

Der Vater läuft dem Sohn entgegen! Er hat auf ihn gewartet, nach ihm Ausschau gehalten. Der Sohn bringt seinen Satz vor, doch der Vater geht nicht drauf ein, er tut etwas ganz anders: Er lässt sofort Gewand, Ring und Sandalen holen: Das sind hier die Zeichen der erneuerten Sohnschaft. Die Sünden des Sohnes kommen überhaupt nicht zur Sprache, seine Umkehr ist genug. So ist Gott! Bei ihm geht es nicht um Aufrechnung unserer Taten, sondern um das Herz: Da ist ein Mensch, der seinen Fehler erkannt hat und zurückkommt – das alleine zählt. Der Gott, den Jesus uns damit vor Augen stellt, ist ein barmherziger Vater, der uns kennt und liebt. Aber der uns auch die Freiheit lässt, unsere eigenen Wege zu wählen. Die Tür bleibt immer offen, er wartet auf uns, bis wir bereit sind, zurückzukehren und zuzugeben: Der Weg, den ich gewählt habe, war ein Irrweg. Vergib mir, Vater! Und dann schließt er uns in die Arme.


3.Juli Lukas 15, 14 - 19

Als er alles aufgebraucht hatte, wurde jenes Land von einer großen Hungersnot heimgesucht. Da geriet auch er in Schwierigkeiten. In seiner Not wandte er sich an einen Bürger des Landes, und dieser schickte ihn zum Schweinehüten auf seine Felder. Er wäre froh gewesen, wenn er seinen Hunger mit den Schoten, die die Schweine fraßen, hätte stillen dürfen, doch selbst davon wollte ihm keiner etwas geben. Jetzt kam er zur Besinnung. Er sagte sich: ›Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, und alle haben mehr als genug zu essen! Ich dagegen komme hier vor Hunger um. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Mach mich zu einem deiner Tagelöhner!‹

Ganz unten! Was gibt es Schlimmeres für einen Juden als Schweine zu hüten? Erst in dieser Lage kann er sein Handeln erkennen. Er hat das Erbe seines Vaters verschleudert. Er hat nicht als Sohn gehandelt, sondern wie ein fremder Räuber. Immerhin weiß er: Ich habe da noch eine Chance. Ich kann zurückkommen. Er ist zur Besinnung gekommen. Manchmal ist eine persönliche Katastrophe nötig, um „zur Besinnung zu kommen.“ Was macht Menschen „besinnungslos“? Oft ist es erhoffter Reichtum, Anerkennung durch andere oder Macht, die erstrebt wird. Auch Vergnügen und Zerstreuung – wie hier im Gleichnis – kann besinnungslos machen. Worin liegt meine Gefährdung, „besinnungslos“ zu werden? Wie kann ich ihr entkommen?



2.Juli Lukas 15, 11 – 13

 Jesus fuhr fort: »Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere sagte zu ihm: ›Vater, gib mir den Anteil am Erbe, der mir zusteht!‹ Da teilte der Vater das Vermögen unter die beiden auf. Wenige Tage später hatte der jüngere Sohn seinen ganzen Anteil verkauft und zog mit dem Erlös in ein fernes Land. Dort lebte er in Saus und Braus und brachte sein Vermögen durch.

Schon der Anfang dieses bekannten Gleichnisses enthält Provokatives: So etwas macht man einfach nicht im Orient! Denn sein Erbe vor der Zeit zu fordern, heißt: Du bist für mich gestorben! Es ist ein grobes Foul. So also geht der jüngere Sohn mit seinem Vater um. Und er trennt sich von allem, was vorher sein Leben war: Er zieht in ein fernes Land. Er kann endlich ohne väterliche Aufsicht das leben, von dem er immer geträumt hat: In Saus und Braus! Schon der Anfang der Geschichte sagt: So gehen wir mit Gott, dem Geber des Lebens um! Wir trennen uns von ihm, der Quelle des Lebens, wir wollen selbst definieren, was wahres Leben ist. Wir wollen frei sein, endlich tun, was wir wollen. Halte ich Gott für den Begrenzer meines Lebens? Für die Quelle ärgerlicher Vorschriften? Was denke ich im Tiefsten über Gott? Was fühle ich, wenn ich „Vater“ zu ihm sage?

1.Juli Lukas 15, 8 – 10

»Oder wie ist es, wenn eine Frau zehn Silbermünzen hat und eine davon verliert? Zündet sie da nicht eine Lampe an, kehrt das ganze Haus und sucht in allen Ecken, bis sie die Münze gefunden hat? Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: ›Freut euch mit mir! Ich habe die Münze wiedergefunden, die ich verloren hatte.‹ Ich sage euch: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen einzigen Sünder, der umkehrt.«

Auch in diesem Gleichnis gibt es diesen Punkt der Übertreibung. Was macht diese Frau für ein Aufheben um diese eine Münze! Sie ruft alle Welt zusammen, nur weil sie das Ding gefunden hat! So wertvoll ist Gott jede und jeder Einzelne. Und in diesem „gesucht und gefunden“ liegt noch etwas anderes: Wir meinen, wir seien die, die unser Leben in der Hand haben, die Entscheidungen treffen, uns bekehren oder auch nicht. Aber das stimmt nicht. Wir werden gesucht! Es geschehen uns Dinge im Leben, die wir in keiner Weise beeinflussen konnten – Menschen, die wir zufällig getroffen haben, Bücher, an die wir geraten sind, Veranstaltungen, in die wir rätselhafterweise geraten sind. Gott sucht uns unablässig – aber lassen wir uns auch finden? Wie habe ich das Suchen Gottes in meinem Leben erfahren?

30. Juni Lukas 15, 1 - 7

Jesus war ständig umgeben von Zolleinnehmern und anderen Leuten, die als Sünder galten; sie wollten ihn alle hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten waren darüber empört. »Dieser Mensch gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen!«, sagten sie. Da erzählte ihnen Jesus folgendes Gleichnis: »Angenommen, einer von euch hat hundert Schafe, und eins davon geht ihm verloren. Lässt er da nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voller Freude auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir! Ich habe das Schaf wiedergefunden, das mir verloren gegangen war.‹ Ich sage euch: Genauso wird im Himmel mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.«

Die Gerechten sind wieder einmal empört, mit welchen Leuten sich Jesus abgibt. Er sollte wie sie Abstand halten, sich reinhalten. Das Gleichnis, das Jesus erzählt, hat – wie so oft – einen überraschenden Punkt: Würde ein guter Hirte wirklich 99 Schafe in der Steppe lassen, um eines zu suchen? Nein, natürlich nicht, er könnte doch die 99 auch noch verlieren. Damit sagt Jesus: So viel ist Gott jeder einzelne verlorene Mensch wert! Er geht ihm nach, bis er ihn gefunden hat und trägt ihn nach Hause. Die Liebe berechnet nicht, sie sieht den Einzelnen, der Umkehr nötig hat und freut sich unbändig, wenn die Suche gelingt und ein Mensch gefunden wird. Die Gerechten meinen, sie hätten keine Umkehr nötig und täuschen sich gerade darin. Es ist geradezu das Merkmal des Reiches Gottes, dass es von denen bevölkert wird, die umgekehrt sind und nicht von denen, die denken, sie seien schon lange drin. Wo komme ich in der Geschichte vor? Bin ich verlorenes und gefundenes Schaf? Ein vermeintlich Gerechter? Oder ein Hirte, der verlorene Schafe sucht? Kenne ich die Freude über die Umkehr von Menschen, die verloren waren?



29.Juni Epheser 6, 21 – 24

Nun werdet ihr aber auch etwas über mich erfahren wollen und darüber, wie es mir geht und was ich tue. Tychikus, unser geliebter Bruder und mein treuer Mitarbeiter im Dienst für den Herrn, wird euch alle Neuigkeiten mitbringen. Wenn ich ihn zu euch schicke, dann genau aus diesem Grund: Ihr sollt erfahren, wie es um uns steht, und sollt durch seinen Besuch gestärkt und ermutigt werden. Allen Geschwistern wünsche ich Frieden von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Herrn – Frieden und Liebe und Glauben. Die Gnade sei mit allen, die unseren Herrn Jesus Christus lieben. Er schenke euch unvergängliches Leben!

So verabschiedet sich Paulus von seiner Gemeinde. Er hält es nicht für nötig, Pergament zu verschwenden, um über seine persönliche Lage zu berichten – das wird Tychikus für ihn tun. Auch hier klingt wieder das Anliegen durch, dass seine Leute gestärkt und ermutigt werden. Wird die Gemeinde in der quirligen Hafenstadt Ephesus überleben? Werden sie den Versuchungen der antiken Welt widerstehen? Frieden und Liebe und Glauben – das sind seine Wünsche für die Gemeinde. Frieden – das ist eine grundsätzliche Versöhntheit mit allen und mit dem eigenen Leben. Liebe umfasst alle, die ich kenne und die mir begegnen und will das Gute für sie. Glauben oder Vertrauen weiß, dass alles gut ausgehen wird und dass Gott auch in der Zukunft für mich sorgen wird. In welchem dieser drei Bereiche brauche ich am ehesten Ermutigung und neuen Schwung?


28.Juni Epheser 6, 18 – 20

Wendet euch, vom Heiligen Geist geleitet, immer und überall mit Bitten und Flehen an Gott. Lasst dabei in eurer Wachsamkeit nicht nach, sondern tretet mit Ausdauer und Beharrlichkeit für alle ein, die zu Gottes heiligem Volk gehören. Betet auch für mich! Bittet Gott, mir bei der Verkündigung seiner Botschaft die richtigen Worte zu geben. Dann kann ich das Geheimnis des Evangeliums unerschrocken bekannt machen. Ich bin ja als Gottes Gesandter für das Evangelium tätig, und gerade deshalb bin ich zurzeit im Gefängnis. Betet, dass ich meinen Auftrag erfüllen und diese Botschaft frei und offen weitergeben kann.

Die Bitte des Paulus ist erstaunlich. Wäre es nicht sehr verständlich, wenn dort stehen würde: „Bittet für mich, dass ich rasch wieder aus diesem Loch hier herauskomme? Aber das steht da nicht. Nein, er führt seine Lage auf seinen Auftrag zurück und scheint zu denken: Das ist schon ganz richtig, dass ich hier sitze! Auch in Gefängnis erfüllt er seinen Auftrag. Wir dagegen lassen uns oft von Umständen und äußeren Bedingungen bestimmen. Warum bin ich gerade hier, wo ich bin? Was hat das mit meiner Berufung, meinem Lebensauftrag zu tun? Bemerkenswert ist dabei das Stichwort „Wachsamkeit“. Paulus fordert damit dazu auf, an die zu denken, die zur Gemeinde gehören und für sie einzutreten. Aber nicht, damit alle glücklich sind, sondern damit sie ihre Berufung leben können, ihrem Auftrag gerecht werden können. Wer fällt mir ein, wenn ich an die Menschen denke, mit denen ich verbunden bin? Wer kämpft gerade besonders mit seinem Lebensauftrag?

27.Juni Epheser 6, 10 – 17


Nun noch ein Letztes: Lasst euch vom Herrn Kraft geben, lasst euch stärken durch seine gewaltige Macht! Legt die Rüstung an, die Gott für euch bereithält; ergreift alle seine Waffen! Damit werdet ihr in der Lage sein, den heimtückischen Angriffen des Teufels standzuhalten. Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Wesen von Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte und Gewalten der Finsternis, die über die Erde herrschen, gegen das Heer der Geister in der unsichtbaren Welt, die hinter allem Bösen stehen. Deshalb greift zu allen Waffen, die Gott für euch bereithält! Wenn dann der Tag kommt, an dem die Mächte des Bösen angreifen, seid ihr gerüstet und könnt euch ihnen entgegenstellen. Ihr werdet erfolgreich kämpfen und am Ende als Sieger dastehen. Stellt euch also entschlossen zum Kampf auf! Bindet den Gürtel der Wahrheit um eure Hüften, legt den Brustpanzer der Gerechtigkeit an und tragt an den Füßen das Schuhwerk der Bereitschaft, das Evangelium des Friedens zu verbreiten. Zusätzlich zu all dem ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr jeden Brandpfeil unschädlich machen könnt, den der Böse gegen euch abschießt. Setzt den Helm der Rettung auf und greift zu dem Schwert, das der Heilige Geist euch gibt; dieses Schwert ist das Wort Gottes.

Ein ziemlich martialisches Bild – das Leben als geistlicher Kampf. Zunächst: Die Mächte des Bösen sind eine reale Bedrohung. In unserer Lebenswelt geht es äußerlich recht friedlich zu, aber es geht ja auch nicht um äußere Bedrohung, Verfolgung oder Benachteiligung. Es gibt diese reale geistige Welt, schädliche Ideen und Weltanschauungen, die Menschen zum Bösen verleiten. Es gibt Fake-News, Verschwörungstheorien und politische Ideologien, die zum Kampf Mensch gegen Mensch führen - siehe die aktuelle Lage! . Lügen, die Menschen vergiften und ihr Zusammenleben gefährlich machen. Gegen all das wird hier zum Kampf aufgerufen. Die genannten Waffen sind bis auf eine Verteidigungswaffen: Gürtel der Wahrheit, Panzer der Gerechtigkeit, Schuhwerk der Bereitschaft, zu gehen, Schild des Glaubens, Helm der Rettung. Allein das Schwert ist Angriffswaffe: Angegriffen wird hier nur mit dem Wort – so wie Jesus bei den Versuchungsgeschichten nur mit Bibelzitaten antwortet. Das Evangelium des Friedens gehört mitten unter die Feinde. Aus den Bildern greife ich eines heraus: Den Schild des Glaubens. Brandpfeile wirken, indem sich das Feuer am Körper ausbreitet, bis der ganze Kämpfer in Flammen steht. Gedanken können wie Brandpfeile wirken, Zweifel können sich ausbreiten und uns völlig einhüllen und zerstören. Der Schild des Glaubens setzt dem eine Glaubensaussage entgegen: „Ich glaube trotzdem, dass Gott mir helfen wird.“ „Ich weiß dennoch, dass mein Erlöser lebt!“ So werden Zweifel aufgefangen, ehe sie sich in meinem Geist ausbreiten. Kenne ich solche Kämpfe? Wie sieht mein „Schild des Glaubens“ aus?


26.Juni Epheser 6, 5 – 9

Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren! Dient ihnen mit ehrerbietigem Respekt und aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus selbst, dem ihr gehorcht. Arbeitet nicht nur, wenn man euch dabei beobachtet – als ginge es darum, Menschen zu gefallen. Macht euch vielmehr bewusst, dass ihr Sklaven von Christus seid, und tut mit ganzer Hingabe das, was Gott von euch möchte. Erfüllt eure Aufgaben bereitwillig und mit Freude, denn letztlich dient ihr nicht Menschen, sondern dem Herrn. Ihr könnt sicher sein, dass jeder, der Gutes tut, vom Herrn dafür belohnt wird, ob es sich nun um einen Sklaven handelt oder um einen freien Menschen. Und ihr Herren, behandelt eure Sklaven nach denselben Grundsätzen. Versucht nicht, sie mit Drohungen einzuschüchtern. Denkt daran, dass es einen gibt, der sowohl ihr Herr ist als auch euer Herr. Er ist im Himmel, und er ist ein unbestechlicher Richter.

Warum entwickelt die junge Gemeinde Jesu kein neues und revolutionäres Gesellschaftsmodell? Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer ist, dass in der Erwartung des nahen Endes die umgebende Gesellschaft als vergehende Ordnung gesehen wurde. Warum sie also noch ändern wollen? Der zweite -und für uns wichtigere – ist die Überzeugung, dass die jeweilige Stellung im Leben nicht zufällig ist, sondern von Gott gegeben. „Gott will, dass du Sklave bist“ ist ein harter Satz. Aber der Sklave ist zuerst Sklave Christi und versteht sein Sklavendasein als Gottesdienst. Das gibt ihm selbst eine Würde, die ihn seinem Herrn gleichstellt – beide sind sie Sklaven Christi. Und der Herr des Sklaven wird ermahnt, nach denselben christlichen Grundsätzen zu handeln. Damit wird die normale Ordnung dem höheren Prinzip der Liebe unterstellt und darin liegt der Keim ihrer letztendlichen Verwandlung. Auf diese musste die Welt allerdings 1800 Jahre (!) warten. Es war William Wilberforce, der 1833 in England die Befreiung der Sklaven erreichte. „Mir erschien die Verderbtheit des Sklavenhandels so enorm, so furchtbar und nicht wiedergutzumachen, dass ich mich uneingeschränkt für die Abschaffung entschieden habe. Mögen die Konsequenzen sein, wie sie wollen, ich habe für mich beschlossen, dass ich keine Ruhe geben werde, bis ich die Abschaffung des Sklavenhandels durchgesetzt habe.“ Eine Weisung der Bibel, die in einer historischen Situation richtig sein kann, wird in einer veränderten Situation unter Umständen falsch. Wir müssen immer wieder neu überlegen, was jetzt der Liebe entspricht. Migration, Seenotrettung, Globalisierung und Welthandel sind unsere Themen – was will Gott heute von uns?

25.Juni : Epheser 6, 1 - 4


Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern! So möchte es der Herr, dem ihr gehört; so ist es gut und richtig. »Ehre deinen Vater und deine Mutter!« – das ist das erste Gebot, das mit einer Zusage verbunden ist, mit der Zusage: »Dann wird es dir gut gehen, und du wirst lange auf dieser Erde leben.« Und ihr Väter, verhaltet euch euren Kindern gegenüber so, dass sie keinen Grund haben, sich gegen euch aufzulehnen; erzieht sie mit der nötigen Zurechtweisung und Ermahnung, wie der Herr es tut.

Wie soll es in einer christlichen Familie zugehen? Gehorsam ist nicht gerade ein Modewort in unserer Zeit. Warum Gehorsam? Ich anerkenne als Kind damit die größere Verantwortung und den weiteren Blick meiner Eltern. Zu Gehorsam gehört damit Vertrauen: „Ich verstehe das jetzt nicht, aber ich folge dieser Anweisung, weil ich weiß, dass du dich um den richtigen Weg bemühst.“ Das mag nicht automatisch für alles gelten, aber eine völlig respektlose Ablehnung jeglicher Weisungen führt zu genau den Verhaltensweisen, die uns in der Gesellschaft zurzeit Sorge bereiten – in Schule, gegenüber der Polizei, in der Politik.
Das genannte Gebot meint im ursprünglichen Zusammenhang die Versorgung der Eltern, also die lebenslange Verbundenheit und Verantwortung der Kinder. Sie zerbricht, wo Väter oder Mütter ihre Kinder mit Härte und Lieblosigkeit behandeln. Die Kinder werden es ihnen „heimzahlen“, ein treffendes Wort! Wir sollen mit unseren Kindern so umgehen, wie Gott mit uns umgeht. Falls unsere Eltern uns nicht gut behandelt haben – wir haben die Möglichkeit, so den Teufelskreis des Heimzahlens zu durchbrechen. Wie sehe ich heute meine Eltern?

24.Juni Epheser 5, 21 – 33


Ordnet euch einander unter; tut es aus Ehrfurcht vor Christus! Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter! Ihr zeigt damit, dass ihr euch dem Herrn unterordnet. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, genauso wie Christus das Haupt der Gemeinde ist – er, der sie errettet und zu seinem Leib gemacht hat. Und wie die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern in allem unterordnen. Und ihr Männer, liebt eure Frauen! Liebt sie so, wie Christus die Gemeinde geliebt hat: Er hat sein Leben für sie hingegeben, um sie zu seinem heiligen Volk zu machen. Durch sein Wort hat er den Schmutz ihrer Verfehlungen wie in einem reinigenden Bad von ihr abgewaschen. Denn er möchte sie zu einer Braut von makelloser Schönheit machen, die heilig und untadelig und ohne Flecken und Runzeln oder irgendeine andere Unvollkommenheit vor ihn treten kann. Genauso sind nun auch die Männer verpflichtet, ihre Frauen zu lieben und ihnen Gutes zu tun, so wie sie ihrem eigenen Körper Gutes tun. Ein Mann, der seine Frau liebt und ihr Gutes tut, tut sich damit selbst etwas Gutes. Schließlich hat noch nie jemand seinen eigenen Körper gehasst; vielmehr versorgen wir unseren Körper mit Nahrung und pflegen ihn, genau wie Christus es mit der Gemeinde macht – mit seinem Leib, dessen Glieder wir sind. »Deshalb«, so heißt es in der Schrift, »wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden, und die zwei werden ein Leib sein.« Hinter diesen Worten verbirgt sich ein tiefes Geheimnis. Ich bin überzeugt, dass hier von Christus und der Gemeinde die Rede ist. Doch die Aussage betrifft auch jeden von euch ganz persönlich: Jeder soll seine Frau so lieben, wie er sich selbst liebt, und die Frau soll ihrem Mann mit Ehrerbietung begegnen.

Das ist ein merkwürdiger Text, der in Teilen der damals vorherrschenden Gesellschaftsordnung entspricht. Dabei beginnt er hoffnungsvoll: „Ordnet euch einander unter!“, steht da. Doch dieses „einander“ kommt im Folgenden nicht mehr vor. Die Frau soll sich unterordnen, der Mann sie lieben. Diese Liebe soll in ihrer Qualität der Liebe Christi für die Gemeinde entsprechen. Männer sollen ihr Leben für ihre Frau hingeben. Ihre Liebe soll die Frau heiligen, reinigen und helfen, ihr Leben zu entfalten. Das ist vom Mann her gesehen eine gute Sache. Doch nicht von der Frau her: Sie soll sich unterordnen und hat nicht die Aufgabe, dem Mann in gleicher Weise zu helfen. Wäre er doch seinem ersten Satz gefolgt! Eine Ehe oder Freundschaft gedeiht für beide, wenn in ihr gegenseitige Unterordnung stattfindet. Wenn wir uns wechselseitig zu Helfern werden. So bleibt als Fazit hier: Wenn wir miteinander umgehen, wie Christus mit der Gemeinde umgeht, wenn es gegenseitige Ehrerbietung gibt, kann die Beziehung gelingen. Liebt einander, wie ihr euch selbst liebt. 


23.Juni Epheser 5, 15 – 20

Gebt also sorgfältig darauf acht, wie ihr lebt! Verhaltet euch nicht wie unverständige Leute, sondern verhaltet euch klug. Macht den bestmöglichen Gebrauch von eurer Zeit, gerade weil wir in einer schlimmen Zeit leben. Lasst es daher nicht an der nötigen Einsicht fehlen, sondern lernt zu verstehen, was der Herr von euch möchte. Und trinkt euch keinen Rausch an, denn übermäßiger Weingenuss führt zu zügellosem Verhalten. Lasst euch vielmehr vom Geist Gottes erfüllen. Ermutigt einander mit Psalmen, Lobgesängen und von Gottes Geist eingegebenen Liedern; singt und jubelt aus tiefstem Herzen zur Ehre des Herrn und dankt Gott, dem Vater, immer und für alles im Namen von Jesus Christus, unserem Herrn.

Geist Gottes gegen Weingeist! Warum fällt mir hier der Engel Aloysius ein, der im Himmel mit dem vielen Halleluja nicht zurechtkommt? Weil solche Verse oft zu einem „frommen“ Leben abseits „weltlicher Freuden“ geführt haben. Hat Paulus das so gemeint? Was ist denn klug, wenn ich meinen Tagesablauf ansehe? Ich denke, es geht hier nicht um ein moralinsaures Leben abseits der ganz normalen Freuden des Lebens. Und auch der Hinweis auf den „bestmöglichen Gebrauch der Zeit“ soll mich nicht in frommen Stress bringen. Was dann? Ich finde es nachträglich ärgerlich, wenn ich zu viel Wein getrunken habe und einen Tag mit schwerem Kopf erlebe. Ich ärgere mich, wenn ich Stunden mit einem sinnfreien Computerspiel verbracht habe und danach erschöpft bin. Es tut mir nicht gut, wenn ich durch Hunderte von Seiten surfe und am Ende doch nichts behalten habe. Klug sein, das heißt, die Balance finden zwischen Arbeit und Spiel, Ausruhen und Gebet, fröhlichen Liedern und Anbetungssongs. Zur Ehre Gottes kann ich Psalmen singen – aber auch folk songs. Und da steht ja auch: Dankt Gott für alles! Alles, was mir und anderen gut tut, kann ich mit Dank genießen. Werdet Genießer des Lebens! 


22.Juni Epheser 5, 9 - 14

Ihr wisst doch: Die Frucht, die vom Licht hervorgebracht wird, besteht in allem, was gut, gerecht und wahr ist. Deshalb überlegt bei dem, was ihr tut, ob es dem Herrn gefällt. Und beteiligt euch unter keinen Umständen an irgendeinem Tun, das der Finsternis entstammt und daher keine guten Früchte hervorbringt. Deckt solches Tun vielmehr auf! Denn was manche im Verborgenen treiben, ist so abscheulich, dass man sich schämt, es auch nur zu erwähnen. Doch alles, was aufgedeckt wird, ist dann im Licht als das sichtbar, was es wirklich ist. Mehr noch: Alles, was sichtbar geworden ist, gehört damit zum Licht. Deshalb heißt es auch: »Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten! Dann wird Christus sein Licht über dir leuchten lassen.«

Man fühlt sich ein wenig an die „Filter des Sokrates“ erinnert: Ist das, was ich über jemanden sagen will, wahr, gut und notwendig? Ist mein Handeln gerecht? Von Wahrheit geprägt? Heute sprechen wir eher von „Integrität“. Das ist laut Wikipedia „die fortwährend aufrechterhaltene Übereinstimmung des persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit dem eigenen Reden und Handeln.“ Das klingt anstrengend, nicht wahr? Um dahin zu kommen, kann man sich die Frage stellen, ob ich zu meinem privat praktizierten Verhalten und Handeln auch öffentlich stehen könnte. „Es wird im Licht als das sichtbar, was es wirklich ist.“ Hätten sich Priester daran gehalten, gäbe es keine Missbrauchsfälle. Aber es geht ja auch um mich: Kann ich dazu stehen, dass ich Stunden mit Computerspielen verbringe? Kann ich anderen erzählen, dass ich immer wieder Pornos schaue? Wäre es mir peinlich, wenn andere erführen, was ich meinen Mietern abverlange? Wie ich mein Geld verdiene? Wo bin ich in der Gefahr nicht integer zu leben? Warum?

21.Juni Epheser 5, 1 - 8


Nehmt euch daher Gott selbst zum Vorbild; ihr seid doch seine geliebten Kinder! Konkret heißt das: Alles, was ihr tut, soll von der Liebe bestimmt sein. Denn auch Christus hat uns seine Liebe erwiesen und hat sein Leben für uns hingegeben wie eine Opfergabe, deren Duft vom Altar zu Gott aufsteigt und an der er Freude hat. Auf sexuelle Unmoral und Schamlosigkeit jeder Art, aber auch auf Habgier sollt ihr euch nicht einmal mit Worten einlassen, denn es gehört sich nicht für Gottes heiliges Volk, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Genauso wenig haben Obszönitäten, gottloses Geschwätz und anzügliche Witze etwas bei euch zu suchen. Bringt vielmehr bei allem, was ihr sagt, eure Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck. Denn über eins müsst ihr euch im Klaren sein: Keiner, der ein unmoralisches Leben führt, sich schamlos verhält oder von Habgier getrieben ist (wer habgierig ist, ist ein Götzenanbeter!), hat ein Erbe im Reich von Christus und von Gott zu erwarten.
Lasst euch von niemand mit leeren Behauptungen täuschen! Denn gerade wegen der eben genannten Dinge bricht Gottes Zorn über die herein, die nicht bereit sind, ihm zu gehorchen. Darum hütet euch, mit solchen Leuten gemeinsame Sache zu machen! Früher gehörtet ihr selbst zur Finsternis, doch jetzt gehört ihr zum Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid. Verhaltet euch so, wie Menschen des Lichts sich verhalten.

„Liebe – und dann tue, was du willst!“ – so hat es Augustin, der Kirchenvater formuliert. Das wäre als Grundsatz genug, um sein Leben danach zu gestalten. Warum stehen dann hier doch noch recht konkrete Dinge? Vielleicht, weil die umgebende Gesellschaft damals keine solche Grenzen kannte. Paulus fokussiert das auf zwei Bereiche: Unmoral („porneia“) und Habgier. In beiden Bereichen geht es nicht nur um persönliches Verhalten – hier geht es auch um Gerechtigkeit. Im ersten Bereich durfte man sich zwar hemmungslos ausleben, die Frauen, die dazu bereit waren, galten aber als minderwertig. Sie wurden ausgebeutet und verachtet. Im zweiten Bereich ist es ähnlich: Wird der Habsucht Raum gegeben, werden Menschen ausgebeutet und in Armut zurückgelassen. Das alles ist heute kaum anders. Paulus ist hier so scharf, weil er weiß, wie schwer es für die Gemeinde ist, anders zu leben als die Gesellschaft. Heute haben wir in den Gemeinden zwar die Sexualmoral meist verinnerlicht, aber die Sache mit der Habgier wird weniger angesprochen. Wo sind die Christen, die einen persönlichen Mietendeckel praktizieren, statt zu nehmen „was geht“? Wer erhebt die Stimme gegen Aktien, an denen man gut verdient, die aber Rüstungsfirmen im Portfolio haben? Habgier ist Götzendienst. Jesus sagt: „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen…!“ Wie gehe ich mit meinem Geld um? Kann ich da großzügig sein? 
 20.Juni   Epheser 4, 25 - 32

Darum legt alle Falschheit ab und haltet euch an die Wahrheit, wenn ihr miteinander redet. Wir sind doch Glieder ein und desselben Leibes! Wenn ihr zornig seid, dann versündigt euch nicht. Legt euren Zorn ab, bevor die Sonne untergeht. Gebt dem Teufel keinen Raum in eurem Leben! Wer bisher ein Dieb gewesen ist, soll aufhören zu stehlen und soll stattdessen einer nützlichen Beschäftigung nachgehen, bei der er seinen Lebensunterhalt mit Fleiß und Anstrengung durch eigene Arbeit verdient; dann kann er sogar noch denen etwas abgeben, die in Not sind. Kein böses Wort darf über eure Lippen kommen. Vielmehr soll das, was ihr sagt, gut, angemessen und hilfreich sein; dann werden eure Worte denen, an die sie gerichtet sind, wohltun. Und tut nichts, was Gottes heiligen Geist traurig macht! Denn der Heilige Geist ist das Siegel, das Gott euch im Hinblick auf den Tag der Erlösung aufgedrückt hat, um damit zu bestätigen, dass ihr sein Eigentum geworden seid. Bitterkeit, Aufbrausen, Zorn, wütendes Geschrei und verleumderisches Reden haben bei euch nichts verloren, genauso wenig wie irgendeine andere Form von Bosheit. Geht vielmehr freundlich miteinander um, seid mitfühlend und vergebt einander, so wie auch Gott euch durch Christus vergeben hat.

Aus unserem Sein ergibt sich ein neues Verhalten. Wir sind alle Glieder am Leib Christi, uns ist viel vergeben worden, wir haben Gottes Geist wie ein Siegel aufgedrückt bekommen. Doch das neue Verhalten ergibt sich nicht automatisch – dazu ist ein Entschluss nötig. Ich denke an meinen Großvater, der ein oft unbeherrschter und zorniger Mann war. Aber er hatte einen Grundsatz, den er mir mitgeteilt hat: Er habe nie die Sonne über seinem Zorn untergehen lassen und sich noch am Abend mit seiner Frau versöhnt. Das heißt: Wir können aufgrund unserer Erkenntnis von richtig und falsch Entschlüsse fassen. Zum Beispiel: Nichts Böses oder Hässliches zu jemanden sagen. „Ich werde lieber schweigen!“ Wir können jemand tausend gute Worte sagen – aber ein böses wirkt noch Jahre nach! Gottes Liebe gilt mir trotz meiner Fehler und Schattenseiten – wer das wirklich weiß, der kann auch mit anderen freundlich umgehen. Frage: Wer nervt mich heute besonders?


19.Juni   Epheser 4, 17 – 24

Aus all diesen Gründen fordere ich euch im Namen des Herrn mit Nachdruck auf, nicht länger wie die Menschen zu leben, die Gott nicht kennen. Ihre Gedanken sind auf nichtige Dinge gerichtet, ihr Verstand ist wie mit Blindheit geschlagen, und sie haben keinen Anteil an dem Leben, das Gott schenkt. Denn in ihrem tiefsten Inneren herrscht eine Unwissenheit, die daher kommt, dass sich ihr Herz gegenüber Gott verschlossen hat. Das Gewissen dieser Menschen ist abgestumpft; sie haben sich der Ausschweifung hingegeben und beschäftigen sich voller Gier mit jedem erdenklichen Schmutz. Ihr aber habt bei Christus etwas anderes gelernt! Oder habt ihr seine Botschaft etwa nicht gehört? Seid ihr etwa nicht in seiner Lehre unterrichtet worden, in der Wahrheit, wie sie in Jesus zu uns gekommen ist? Dann wurdet ihr aber auch gelehrt, nicht mehr so weiterzuleben, wie ihr bis dahin gelebt habt, sondern den alten Menschen abzulegen, der seinen trügerischen Begierden nachgibt und sich damit selbst ins Verderben stürzt. Und ihr wurdet gelehrt, euch in eurem Geist und in eurem Denken erneuern zu lassen und den neuen Menschen anzuziehen, der nach Gottes Bild erschaffen ist und dessen Kennzeichen Gerechtigkeit und Heiligkeit sind, die sich auf die Wahrheit gründen.

Wieder werden hier altes und neues Leben gegenübergestellt. Ist es denn wirklich so schlimm bestellt mit dem Leben der „Heiden“? Abgestumpft, ausschweifend, Gier, trügerische Begierden, Schmutz – Paulus hat da eine Gesellschaft vor Augen, die keine Grenzen kennt und keine Werte beachtet. Folgt man dieser Linie, so gerät man in ein einfaches Schwarz-Weiß-Denken: Wir, die Guten und sie, die Schlechten, Verworfenen. Neue Menschen und alte Menschen. Und wir wissen, dass es nicht so einfach ist! Paulus hat Menschen vor Augen, die sich nur ihren Begierden hingeben, grausam sind und Böses tun. In seiner Situation im Gefängnis leidet er besonders unter solch brutalen Menschen. Ja, es gibt solche Menschen auch in unserer Umgebung. Andererseits aber wissen wir, dass wir mit unserem neuen Menschsein immer noch im Kampf mit unseren alten Anteilen stehen. Zieht den neuen Menschen an! Diese Aufforderung bewahrt vor Überheblichkeit: Wir sind noch nicht im Stand von unangefochtener Heiligkeit. Worin erlebe ich mich als „neuer Mensch“ – und worin als „alter“?

18.Juni  Epheser 4, 13 – 16


Das soll dazu führen, dass wir alle in unserem Glauben und in unserer Kenntnis von Gottes Sohn zur vollen Einheit gelangen und dass wir eine Reife erreichen, deren Maßstab Christus selbst ist in seiner ganzen Fülle. Denn wir sollen keine unmündigen Kinder mehr sein; wir dürfen uns nicht mehr durch jede beliebige Lehre vom Kurs abbringen lassen wie ein Schiff, das von Wind und Wellen hin und her geworfen wird, und dürfen nicht mehr auf die Täuschungsmanöver betrügerischer Menschen hereinfallen, die uns mit ihrem falschen Spiel in die Irre führen wollen. Stattdessen sollen wir in einem Geist der Liebe an der Wahrheit festhalten, damit wir im Glauben wachsen und in jeder Hinsicht mehr und mehr dem ähnlich werden, der das Haupt ist, Christus. Ihm verdankt der Leib sein gesamtes Wachstum. Mit Hilfe all der verschiedenen Gelenke ist er zusammengefügt, durch sie wird er zusammengehalten und gestützt, und jeder einzelne Körperteil leistet seinen Beitrag entsprechend der ihm zugewiesenen Aufgabe. So wächst der Leib heran und wird durch die Liebe aufgebaut.

Christus ähnlicher werden – das ist das Ziel, das Paulus seiner Gemeinde vorgibt. Wir sollen selbst zu mündigen Menschen werden, die beurteilen können, ob eine Lehre der Wahrheit entspricht. Das ist ein hoher Anspruch, doch Paulus vertraut darauf, dass Gottes Geist in den einzelnen Menschen die Wahrheit hervorbringt. Das war die gemeinsame Überzeugung der ersten Christen. (Joh. 16,13: der Geist der Wahrheit, wird euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen.). Die Ämter in der Gemeinde werden nicht hervorgehoben, um die Christen unmündig zu machen, sondern um ihnen zu helfen, mündig zu werden. Eine Kirche oder Gemeinde, die das nicht zum Ziel hat, droht zu einer Sekte zu werden. Es ist allerdings bequem, einem Leiter oder einem Apostel zu folgen, anstatt selbst zu denken und zu forschen, „ob es sich so verhält“. Bilde ich mir selbst eine Meinung? Denke ich über die Wahrheit des Evangeliums nach und streite darum, wenn nötig?  Der Geist Gottes leitet jeden von uns - das ist eine Verheißung! 

 17.Juni  Epheser 4, 7 – 12

Jedem Einzelnen von uns hat Christus einen Anteil an den Gaben gegeben, die er in seiner Gnade schenkt; jedem hat er seine Gnade in einem bestimmten Maß zugeteilt. Darum heißt es in der Schrift: »Als er im Triumphzug zur Höhe hinaufstieg, hat er Gefangene mit sich geführt und Geschenke an die Menschen verteilt.« Wenn hier steht: »Er ist hinaufgestiegen«, dann muss er doch zunächst einmal hinuntergestiegen sein – hinunter bis in die tiefsten Tiefen der Erde. Und er, der hinuntergestiegen ist, ist dann auch wieder hinaufgestiegen bis über den höchsten aller Himmel, um so das ganze Universum mit seiner Gegenwart zu erfüllen. Er ist es nun auch, der der Gemeinde Gaben geschenkt hat: Er hat ihr die Apostel gegeben, die Propheten, die Evangelisten, die Hirten und Lehrer. Sie haben die Aufgabe, diejenigen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, für ihren Dienst auszurüsten, damit die Gemeinde, der Leib von Christus, aufgebaut wird.

Paulus verwendet hier ein altes Bild aus Psalm 68, in dem Gott selbst herauffährt. Hier dient es ihm dazu, die Aussage, dass Christus gesiegt hat, zu unterstreichen. Das Ergebnis dieses Sieges über gottfeindliche Mächte ist für uns, dass Er uns Gaben verliehen hat - in Umkehrung der Aussage in Psalm 68, in dem die Menschen Gott Gaben geben. Jeder und jede hat Anteil an den „Gnadengaben“, den Charismen die Gott verleiht – aber in unterschiedlichem Maße. Die Gemeinde braucht verschiedene Gaben und Begabungen zu ihrem Aufbau. Nicht jeder hat eine dieser fünf „Hauptgaben“, die entsprechende Ämter begründen. Du hast deine Gabe in einem bestimmten Maße – und es ist Gottes Entscheidung, wie viel dir zugeteilt ist. Es ist nicht empfehlenswert, nach mehr zu streben. Durch angemaßte Gaben entsteht viel Unheil in Gruppen und Gemeinden. Es ist wichtig, herauszufinden, welche Gabe ich habe und welche nicht. Dabei gibt es keine Rangordnung in der Anerkennung vor Gott. „Wer unter euch groß sein will, der sei euer aller Diener“, hat Jesus gesagt. Strebe nie nach Gaben und Ämtern, die dir nicht gegeben sind. Aber verleugne keine Gabe, die du offenbar hast. Welche Gaben sind dir gegeben?


16.Juni  Epheser 4, 1 – 6


Als einer, der für sein Bekenntnis zum Herrn im Gefängnis ist, bitte ich euch nun: Denkt daran, dass Gott euch zum Glauben gerufen hat, und führt ein Leben, das dieser Berufung würdig ist! Keiner soll sich über den anderen erheben. Seid vielmehr allen gegenüber freundlich und geduldig und geht nachsichtig und liebevoll miteinander um. Setzt alles daran, die Einheit zu bewahren, die Gottes Geist euch geschenkt hat; sein Frieden ist das Band, das euch zusammenhält. Mit »Einheit« meine ich dies: ein Leib, ein Geist und genauso auch eine Hoffnung, die euch gegeben wurde, als Gottes Ruf an euch erging; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater von uns allen, der über alle regiert, durch alle wirkt und in allen lebt.


Ein Leben, das der Berufung würdig ist! Paulus hat ziemlich genaue Vorstellungen, wie das aussieht. Allen gegenüber freundlich und geduldig! Nachsichtig und liebevoll. Ist das denn möglich? Ja, würde Paulus sagen, wenn ihr euch bewusst macht, wie Gott euch behandelt, dass er voller Güte und Barmherzigkeit ist, obwohl ihr es nicht verdient habt. Aus der erfahrenen Liebe und Güte Gottes quillt die Liebe und Güte anderen gegenüber. Dabei weiß auch Paulus: Die Einheit unter Christen ist ein Geschenk, aber dieses Geschenk muss bewahrt werden. Er nennt hier Basisdinge, den Grundbestand des Glaubens – alles andere sind Nebensachen, die man so oder so sehen kann. Wie oft haben Christen über solche „Nebendinge" gestritten! Wenn ich bedenke, dass Gott auch in meinem Gegenüber lebt, der anders glaubt als ich, dann wird Vieles unwichtig! Mit wem liege ich warum im Streit? Ist es wesentlich?


15.Juni  Epheser 3, 14 – 21


Noch einmal: Wenn ich mir das alles vor Augen halte, kann ich nicht anders, als anbetend vor dem Vater niederzuknien. Er, dem jede Familie im Himmel und auf der Erde ihr Dasein verdankt und der unerschöpflich reich ist an Macht und Herrlichkeit, gebe euch durch seinen Geist innere Kraft und Stärke. Es ist mein Gebet, dass Christus aufgrund des Glaubens in euren Herzen wohnt und dass euer Leben in der Liebe verwurzelt und auf das Fundament der Liebe gegründet ist. Das wird euch dazu befähigen, zusammen mit allen anderen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, die Liebe Christi in allen ihren Dimensionen zu erfassen – in ihrer Breite, in ihrer Länge, in ihrer Höhe und in ihrer Tiefe. Ja, ich bete darum, dass ihr seine Liebe versteht, die doch weit über alles Verstehen hinausreicht, und dass ihr auf diese Weise mehr und mehr mit der ganzen Fülle des Lebens erfüllt werdet, das bei Gott zu finden ist. Ihm, der mit seiner unerschöpflichen Kraft in uns am Werk ist und unendlich viel mehr zu tun vermag, als wir erbitten oder begreifen können, ihm gebührt durch Jesus Christus die Ehre in der Gemeinde von Generation zu Generation und für immer und ewig. Amen.

Seine Liebe verstehen! Das ist für Paulus der Schlüssel zur ganzen Fülle des Lebens. Wie fest ist mein Leben auf dem „Fundament der Liebe“ gegründet? Die Liebe Gottes gilt allen Menschen, nicht nur den gläubigen, nicht nur den rechtschaffenen, den guten, den gerechten Menschen. Ausnahmslos allen! In welcher Dimension habe ich meine Stärken, in welcher Nachholbedarf? Länge, Breite, Höhe, Tiefe - welche Bereiche meines Lebens sind heir angesprochen? Und wie spüre ich, ob mein Leben in der Liebe verwurzelt ist? Es ist wie bei einem Baum: Ob seine Wurzeln tief genug sind, offenbart sich im Sturm. Wenn mich Menschen ärgern, mir schaden, mich nerven oder mich arg verletzen – dann merke ich, ob die Wurzeln meiner Liebe tief reichen. Die Liebe Gottes zu verstehen, bedeutet, zu verstehen, dass ich geliebt bin - so wie ich bin, mit all meinen Schattenseiten und Fehlern. Ich bin Gottes geliebter Sohn - du bist Gottes geliebte Tochter! 


14.Juni  Epheser 3, 7 – 13

Dass ich ein Diener dieser Botschaft geworden bin, ist ein Geschenk der Gnade Gottes; ich verdanke es seiner Macht, die in meinem Leben wirksam geworden ist. Mir, dem Allergeringsten von allen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, hat Gott in seiner Gnade den Auftrag gegeben, den nichtjüdischen Völkern zu verkünden, was für ein unermesslich großer Reichtum uns in der Person von Christus geschenkt ist. Es ist mein Auftrag, allen Menschen die Augen dafür zu öffnen, wie der Plan verwirklicht wird, den Gott, der Schöpfer des Universums, vor aller Zeit gefasst hatte. Bisher war dieser Plan ein in Gott selbst verborgenes Geheimnis, doch jetzt sollen die Mächte und Gewalten in der unsichtbaren Welt durch die Gemeinde die ganze Tiefe und Weite von Gottes Weisheit erkennen. Genauso hatte Gott es sich vor aller Zeit vorgenommen, und dieses Vorhaben hat er nun durch Jesus Christus, unseren Herrn, in die Tat umgesetzt. Durch ihn haben wir alle, die wir an ihn glauben, freien Zutritt zu Gott und dürfen zuversichtlich und vertrauensvoll zu ihm kommen. Daher bitte ich euch: Lasst euch von den Nöten, die ich durchmache, nicht entmutigen! Ich erleide das alles ja für euch; es trägt dazu bei, dass ihr Anteil an Gottes Herrlichkeit bekommt.

Freier Zutritt zu Gott für alle! Nicht nur für gesetzestreue Juden, nicht nur für Heiden, die die Mühen des Gesetzes auf sich nehmen – für alle durch Jesus Christus. Darin erkennt Paulus eine Tiefe Absicht Gottes. Denn es kann ja nicht sein, dass die Zuwendung Gottes auf Dauer nur einem Volk gilt. Schon die Propheten haben geahnt: Alle Völker werden zum Zion, dem Berg Gottes ziehen und Ihn anbeten. Davon ist Paulus so erfüllt, dass er eine enorme Widerstandskraft gewinnt. Wir brauchen, um Resilienz zu entwickeln, die „größere Geschichte“, die über uns hinausweist. Wenn wir nur unserer „kleine Geschichte“ haben und glauben, werden wir den Stürmen des Lebens wenig entgegenzusetzen haben. Aber es ist nicht gleich, welche Geschichte das ist. Paulus ist überzeugt: Das ist die wahre Geschichte, das Geheimnis Gottes, das Ziel der Menschen. Und was glaube ich?


13.Juni  Epheser 3, 2 – 6

Denn dass ich, Paulus, für mein Bekenntnis zu Jesus Christus im Gefängnis bin, kommt euch zugute, die ihr nicht zum jüdischen Volk gehört. Oder habt ihr etwa nicht von dem Plan gehört, den Gott im Hinblick auf euch gefasst und dessen Durchführung er mir in seiner Gnade anvertraut hat? Es handelt sich bei diesem Plan um ein Geheimnis, dessen Inhalt Gott mir durch eine Offenbarung enthüllt hat; ich habe weiter oben schon kurz davon geschrieben. Beim Lesen dieses Briefes könnt ihr erkennen, dass ich weiß, wovon ich rede, wenn ich vom Geheimnis Christi spreche. Den Menschen früherer Generationen hatte Gott keinen Einblick in dieses Geheimnis gegeben, doch jetzt hat er es den von ihm erwählten Aposteln und Propheten durch seinen Geist offenbart. Die Nichtjuden – darin besteht dieses Geheimnis – sind zusammen mit den Juden Erben, bilden zusammen mit ihnen einen Leib und haben zusammen mit ihnen teil an dem, was Gott seinem Volk zugesagt hat. Das alles ist durch Jesus Christus und mit Hilfe des Evangeliums Wirklichkeit geworden.

Man muss sich das einen Moment vorstellen: Paulus sitzt im Gefängnis und weiß nicht, wie diese Sache für ihn ausgeht. Aber darüber schreibt er kein Wort. Ganz im Gegenteil, er schreibt über seine große Vision, die ihn antreibt. Er ist so ergriffen davon, dass er gar nicht anders kann. Das „Geheimnis Christi“ ist, dass nun, nach zwei Jahrtausenden jüdischer Religion, sich die Botschaft Gottes in die Völker hinein öffnet. Die Heiden haben Teil an all dem, was Gott seinem Volk zugesagt hat. Wir sind mit hineingenommen in den Bund Gottes mit seinem Volk. Paulus sieht hier eine gewaltige Mission, die die Welt verändern wird. Die persönliche Lage ist dem gegenüber unwichtig. Es ist Wirklichkeit geworden, sagt der Gefangene. Wirklich? Es gibt ein paar Sklavengemeinden, die recht und schlecht ihr christliches Leben gestalten, einige der Apostel sind hingerichtet worden, andere verschollen. Paulus ist trotzdem überzeugt von der Richtigkeit seiner Vision. Welche Vorstellungen habe ich über die Zukunft unseres Christentums? Unserer Kirchen? Stimme ich in das allgemeine Gejammer ein? Und vor allem: Welche Vision von Gottes Handeln in der Welt trägt mich? Die Mission der Liebe Gottes ist noch nicht am Ende. Eine klare Vorstellung über die Pläne Gottes kann mich beflügeln – so wie Paulus hier im Gefängnis.

12.Juni  Epheser 2, 18 – 3,1

Denn dank Jesus Christus haben wir alle – Juden wie Nichtjuden – durch ein und denselben Geist freien Zutritt zum Vater. Ihr seid jetzt also nicht länger Fremde ohne Bürgerrecht, sondern seid – zusammen mit allen anderen, die zu seinem heiligen Volk gehören – Bürger des Himmels; ihr gehört zu Gottes Haus, zu Gottes Familie. Das Fundament des Hauses, in das ihr eingefügt seid, sind die Apostel und Propheten, und der Eckstein dieses Gebäudes ist Jesus Christus selbst. Er hält den ganzen Bau zusammen; durch ihn wächst er und wird ein heiliger, dem Herrn geweihter Tempel. Durch Christus seid auch ihr in dieses Bauwerk eingefügt, in dem Gott durch seinen Geist wohnt. Wenn ich mir das alles vor Augen halte, kann ich nicht anders, als vor Gott niederzuknien und ihn anzubeten.
Freier Zutritt! Paulus malt uns einen Tempel vor Augen, zu dem wir freien Zutritt haben. Ich erinnere mich an den Karfreitagsbericht: Der Vorhang im Tempel zerreißt. Der Weg ins Allerheiligste ist offen. Wir brauchen keine komplizierten Opferriten mehr, keine Priester als Vermittler, wir sind Bürger des Himmels und gehören zur Familie. Fremde ohne Bürgerrecht waren damals alle, die nicht zu Rom gehörten, vor allem eroberte und versklavte Völker. Das römische Bürgerrecht war ein begehrtes Gut. Man konnte als Bürger Roms im Streitfall sogar an den Kaiser appellieren, um von ihm gehört zu werden. Dieses Bild macht deutlich: Es ist ein Privileg, zu Christus zu gehören und freien Zugang zu Gott zu haben. Welche Bedeutung hat das für mich? Ändert es etwas in meinem Leben? In meiner Einstellung zu mir selbst, zu anderen und zu dieser Welt? Du bist Sohn, du bist Tochter Gottes! Wie klingt das für mich?

11.Juni  Epheser 2, 13 – 17

Doch das alles ist durch Jesus Christus Vergangenheit. Weil Christus sein Blut für euch vergossen hat, seid ihr jetzt nicht mehr fern von Gott, sondern habt das Vorrecht, in seiner Nähe zu sein. Ja, Christus selbst ist unser Frieden. Er hat die Zweiteilung überwunden und hat aus Juden und Nichtjuden eine Einheit gemacht. Er hat die Mauer niedergerissen, die zwischen ihnen stand, und hat ihre Feindschaft beendet. Denn durch die Hingabe seines eigenen Lebens hat er das Gesetz mit seinen zahlreichen Geboten und Anordnungen außer Kraft gesetzt. Sein Ziel war es, Juden und Nichtjuden durch die Verbindung mit ihm selbst zu einem neuen Menschen zu machen und auf diese Weise Frieden zu schaffen. Dadurch, dass er am Kreuz starb, hat er sowohl Juden als auch Nichtjuden mit Gott versöhnt und zu einem einzigen Leib, der Gemeinde, zusammengefügt; durch seinen eigenen Tod hat er die Feindschaft getötet. Er ist in diese Welt gekommen und hat Frieden verkündet – Frieden für euch, die ihr fern von Gott wart, und Frieden für die, die das Vorrecht hatten, in seiner Nähe zu sein.

Die christliche Gemeinde ist ein Friedensprojekt. Durch Christus sind wir „neue Menschen“, für die die Unterschiede, die durch religiöse Gesetze bestanden, nicht mehr gelten. Aber auch die Unterschiede, die Menschen aufgrund von Rasse, Klassenzugehörigkeit oder Kultur machen, gelten nicht mehr. Alle sind eins in Christus. Ach, hätte die christliche Gemeinde diese Worte doch öfters gelesen und vor allem auch befolgt! Dann gäbe es keine schwarzen und weißen, rein deutschen und stockschwäbischen Gemeinden, sondern nur internationale Gemeinden! Es mag praktische Gründe dafür geben, dass sich etwa Ausländer gleicher Sprache in einer Gemeinde sammeln – aber niemals darf die Ablehnung oder Abwertung anderer Mitchristen der Grund für Separierung sein. Hier sind wir in unserer Geschichte schwer schuldig geworden. Denn wir haben im dritten Reich sogar Judenchristen aus unseren Gemeinden entfernen lassen, ohne für sie einzustehen. Und heute? Welche Mauern muss Christus heute bei uns niederreißen? Ganz reale oder in unseren Köpfen? Meine Gemeinde hat sich seit Jahren das Motto „Glauben und Leben teilen gewählt. Gut, Glauben teilen wir im Gottesdienst oder in Hauskreisen, aber teilen wir auch das Leben? Ja, es fällt mir auch schwer, aus der eigenen Blase herauszukommen und den zu sehen, der nach dem Gottesdienst „übrigbleibt“ und ihn einzuladen. Er und sie gehören wie ich zum Lieb Christi!


10. Juni  Epheser 2, 8 – 12

Noch einmal: Durch Gottes Gnade seid ihr gerettet, und zwar aufgrund des Glaubens. Ihr verdankt eure Rettung also nicht euch selbst; nein, sie ist Gottes Geschenk. Sie gründet sich nicht auf menschliche Leistungen, sodass niemand vor Gott mit irgendetwas großtun kann. Denn was wir sind, ist Gottes Werk; er hat uns durch Jesus Christus dazu geschaffen, das zu tun, was gut und richtig ist. Gott hat alles, was wir tun sollen, vorbereitet; an uns ist es nun, das Vorbereitete auszuführen.
Denkt doch einmal zurück! Ihr wisst ja, dass ihr wegen eurer nichtjüdischen Herkunft die »Unbeschnittenen« genannt werdet, und zwar von denen, die sich selbst als die »Beschnittenen« bezeichnen (dabei ist ihre Beschneidung etwas rein Äußerliches, ein menschlicher Eingriff an ihrem Körper). Wie stand es denn früher um euch? Früher hattet ihr keinerlei Beziehung zu Christus. Ihr hattet keinen Zugang zum israelitischen Bürgerrecht und wart ausgeschlossen von den Bündnissen, die Gott mit seinem Volk eingegangen war; seine Zusagen galten ihnen und nicht euch. Euer Leben in dieser Welt war ein Leben ohne Hoffnung, ein Leben ohne Gott.

Gott hat alles für uns vorbereitet! Wir denken oft, wir seien „unseres eigenen Glückes Schmid“ – aber das stimmt nicht. Bei so Vielem, das wir entscheiden und gestalten, hat etwas Anderes gewirkt. Es war Zufall, sagen die Leute. Nein, es war Gott, der unser Leben in seiner Hand hält, der Dinge vorbereitet hat, der Wege geschaffen hat, auf denen wir laufen können. Und er ruft uns zu: Jetzt lauft auch! Macht etwas daraus! Das bewirkt einerseits Gelassenheit: Ich muss nicht mehr aus mir machen, als ich bin. Ich darf ich sein. Und andererseits: Ich kann im Vertrauen die Gelegenheiten ergreifen, die sich mir bieten und sie als Gottes Weg für mich verstehen. So ermutigt Paulus seine Leser: Euer Weg als Christen ist die Chance für euch, ein ganz anderes, neues Leben zu führen. Ein Leben voller Hoffnung, das über den Tod hinaus geht, ein sinnvolles Leben. Es ist Gottes Geschenk – und darum müssen wir nicht gewaltsam Dinge erzwingen, die uns offenbar nicht geschenkt werden. Welche Chancen meines Lebens empfinde ich als Geschenke Gottes?

9.Juni  Epheser 2, 1 – 7

Auch euch hat Gott zusammen mit Christus lebendig gemacht. Ihr wart nämlich tot – tot aufgrund der Verfehlungen und Sünden, die euer früheres Leben bestimmten. Ihr hattet euch nach den Maßstäben dieser Welt gerichtet und wart dem gefolgt, der über die Mächte der unsichtbaren Welt zwischen Himmel und Erde herrscht, jenem Geist, der bis heute in denen am Werk ist, die nicht bereit sind, Gott zu gehorchen. Wir alle haben früher so gelebt; wir ließen uns von den Begierden unserer eigenen Natur leiten und taten, wozu unsere selbstsüchtigen Gedanken uns drängten. So, wie wir unserem Wesen nach waren, hatten wir – genau wie alle anderen – nichts verdient als Gottes Zorn. Doch Gottes Erbarmen ist unbegreiflich groß! Wir waren aufgrund unserer Verfehlungen tot, aber er hat uns so sehr geliebt, dass er uns zusammen mit Christus lebendig gemacht hat. Ja, es ist nichts als Gnade, dass ihr gerettet seid! Zusammen mit Jesus Christus hat er uns vom Tod auferweckt, und zusammen mit ihm hat er uns schon jetzt einen Platz in der himmlischen Welt gegeben, weil wir mit Jesus Christus verbunden sind. Bis in alle Ewigkeit will er damit zeigen, wie überwältigend groß seine Gnade ist, seine Güte, die er uns durch Jesus Christus erwiesen hat.

Ich gestehe, dass mir diese scharfe Trennung in Welt und Gemeinde Mühe macht. Sind denn alle, die nicht an Jesus Christus glauben, schlechte Menschen? Sind sie alle vom Teufel geleitet? Und lassen wir Christen uns nicht bisweilen von selbstsüchtigen Gedanken leiten? Mich erinnern diese Worte an die Zeugnisse von Drogenabhängigen, die ich früher oft gehört habe. Sie konnten von einer radikalen Lebenswende berichten, sie waren vorher wirklich in einem teuflischen Kreislauf von Abhängigkeit und Kriminalität gefangen. Und das gibt es immer wieder: Menschen, die dem „Geist dieser Welt“ gehorchen, die nach den Maßstäben dieser Welt leben, für die jeder sich selbst der Nächste ist. Solche Menschen werden hier als „tot“ bezeichnet – tot für die Liebe, tot für ihre Nächsten. Wir sind leicht geneigt, solche Menschen abzuschreiben und die Beziehung zu ihnen abzubrechen. Für diese in die Irre gegangenen Menschen gilt: Er hat sie so sehr geliebt, dass er sie lebendig macht! Es geht nicht um ein hochmütiges „Schwarz-Weiß“, hier wir Guten, dort ihr Schlechten, sondern darum, dass Gott Menschen lebendig machen will – auch durch uns. Welche Menschen empfinden wir als „tot“? Wir können für sie beten, den Kontakt halten, sie ganz praktisch lieben.


8.Juni   Epheser 1, 15 – 23

Hinzu kommt, dass ich gehört habe, wie beständig euer Glaube an den Herrn Jesus ist und was für eine Liebe ihr allen entgegenbringt, die zu Gottes heiligem Volk gehören. Wegen all dem kann ich nicht anders, als Gott immer wieder für euch zu danken. Jedes Mal, wenn ich bete, denke ich auch an euch. Ich bete darum, dass Gott – der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater, dem alle Macht und Herrlichkeit gehört – euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung gibt, damit ihr ihn immer besser kennen lernt. Er öffne euch die Augen des Herzens, damit ihr erkennt, was für eine Hoffnung Gott euch gegeben hat, als er euch berief, was für ein reiches und wunderbares Erbe er für die bereithält, die zu seinem heiligen Volk gehören, und mit was für einer überwältigend großen Kraft er unter uns, den Glaubenden, am Werk ist. Es ist dieselbe gewaltige Stärke, mit der er am Werk war, als er Christus von den Toten auferweckte und ihm in der himmlischen Welt den Ehrenplatz an seiner rechten Seite gab. Damit steht Christus jetzt hoch über allen Mächten und Gewalten, hoch über allem, was Autorität besitzt und Einfluss ausübt; er herrscht über alles, was Rang und Namen hat – nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Ja, Gott hat ihm alles unter die Füße gelegt, und er hat ihn, den Herrscher über das ganze Universum, zum Haupt der Gemeinde gemacht. Sie ist sein Leib, und er lebt in ihr mit seiner ganzen Fülle – er, der alles und alle mit seiner Gegenwart erfüllt.

Man muss sich, wenn man diesen Text liest, daran erinnern, wer die Empfänger damals waren. Eine kleine Gruppe von Christen, die sich im Hause eines Ortsphilosophen trafen. Und dieser kleinen Truppe wird gesagt: Ihr seid der Leib des wahren Weltherrschers! Sozusagen um die Ecke stand der Tempel des römischen Kaisers, er war der anerkannte und zu verehrende Weltherrscher. Und da kommen diese Sektierer daher und proklamieren ihren Christus als Weltherrscher über alle Autoritäten. Sind sie verrückt? Heute, angesichts einer weltweiten Kirche, empfinden wir das anders. Aber wir sollten uns daran erinnern, wer dieser Weltherrscher ist. Die Offenbarung bezeichnet ihn als „das Lamm auf dem Thron“. Ein eindrückliches Bild für diesen „Gegenkaiser“! Den tieferen Sinn dieser Herrschaft, die Art seines Regierens erkennt man nur mit „den Augen des Herzens“. Es ist diese völlig andere Sicht auf die Welt, die auf die Herrschaft der Liebe hofft und schon ihren Anbruch entdeckt. Wo brauche ich heute mitten in meinem Alltag „Augen des Herzens“? Wo ist Christi Herrschaft schon am Werk?



7.Juni Epheser 1, 8 – 14


Durch sie (die Gnade) hat er uns reich beschenkt, in aller Weisheit und Einsicht, er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm. Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen, was im Himmel und auf Erden ist, in ihm. In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt; wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher in Christus gehofft haben. In ihm habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung; in ihm habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen, als ihr zum Glauben kamt. Der Geist ist der erste Anteil unseres Erbes, hin zur Erlösung, durch die ihr Gottes Eigentum werdet, zum Lob seiner Herrlichkeit.
In Christus, in ihm – viermal findet es sich in diesem kurzen Text. Wer ist Christus? Richard Rohr schreibt in seinem radikalen Buch „Alles trägt den einen Namen“: „…dass Christus und Jesus nicht einfach denselben Bedeutungsraum einnehmen können. Indem Christen das Wort „Christus“ an Jesus angeklebt haben, als sei dies sein Nachname und nicht jenes Mittel, durch das Gott die gesamte Materie im Verlauf der Geschichte verzaubert hat, wurde das christliche Denken ziemlich schludrig.“ Und an anderer Stelle: „Christus ist überall. In Ihm hat jede Art von Leben Sinn und steht mit allen anderen Lebensformen in einer festen Verbindung.“ Unser Text sagt: „Das All ist in Christus zusammengefasst.“ Allerdings sagt er auch, dass es da eine spezielle Beziehung zwischen uns und Christus gibt: Wir kennen Gottes Willen, wir haben sein Wort gehört und haben den Heiligen Geist empfangen – wir sind in besonderer Weise Gottes Eigentum und Erben. Die „Christus-Beziehung“ kommt bei Christen besonders zum Ausdruck – aber sie sollten sich nicht zu viel darauf einbilden, denn es ist ein Geschenk, kein Verdienst. Und auch andere, ja, alles was lebt, existiert in einer Beziehung zu Christus. Wie verändert das meinen Blick auf meine Mitmenschen? Auf die Schöpfung?

  6.6.2022 Epheser 1, 1 - 7

Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, an die Heiligen in Ephesus, die Gläubigen in Christus Jesus, Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm. Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen, zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.
Ephesus war eine blühende Hafenstadt in Kleinasien, ein kultureller Mittelpunkt der ganzen Region. Paulus hat dort drei Jahre gelebt und die Gemeinde gegründet. Zwei Jahre lehrte er im Hause eines örtlichen Philosophen, wohl ein Mann großer Toleranz!
Im Vorwort des Briefes findet sich ein Glaubensbekenntnis – und durchaus philosophische Gedanken. Wir sind von Ewigkeit her erwählt und im Voraus bestimmt, seine Kinder zu werden. Dieser Gedanke hat eine jahrhundertelange Diskussion bewirkt. Haben wir einen freien Willen? Können wir uns für oder gegen Gott entscheiden? 1973 hat eine Synode formuliert: „Der Glaube macht zwar die Erfahrung, dass die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes.“ (Leuenberger Konkordie). Gott will, dass alle Menschen errettet werden. (1.Tim. 2,4). Fazit: Es ist ein Geheimnis! Warum Menschen nicht glauben können, bleibt uns verschlossen. Selbst glauben zu können, ist kein frommer Verdienst, keine eigene Leistung, sondern ein Geschenk. Wie habe ich zum Glauben gefunden? Wie sehe ich meinen „Eigenanteil“?

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